https://www.faz.net/-gr3-84fuz

Rezension : Zwei Narren, viele Herren

  • -Aktualisiert am
Cover zu „Narrenleben“ von Hans Joachim Schädlich
Cover zu „Narrenleben“ von Hans Joachim Schädlich : Bild: rowohlt

Das Weltbild im Phantasie-Spiegel, das „Tallhover“ regiert, beherrscht auch Schädlichs jüngste Dichtung „Narrenleben“. Sie ist als Roman ausgewiesen, kommt aber in einer Form daher, die zu gewöhnlichen Romanerwartungen nicht ganz passt. Dennoch besteht kein Grund, sich an formale Vorurteile zu klammern, weil die Lektüre alle Unterhaltungs- und Belehrungswünsche erfüllt, die ein Leser haben könnte. Die Geschichte besteht aus zwei Teilen, jeder erzählt vom Leben und Streben eines Narren, der an einem der alten deutschen Fürstenhöfe dem jeweiligen Regenten und seinem Gefolge diente. Beide Narren hat es tatsächlich einst gegeben, und der Autor berichtet uns in einem ausführlichen Anhang, aus welchen Quellen er ihre Abbilder geschöpft hat - das Äußere ihrer Abbilder, um genau zu sein, denn was er uns über ihr Treiben und Getriebenwerden erzählt, das stammt aus seiner Phantasie.

Das Leben zweier närrischer Männer

Zu tun haben wir es erst einmal mit Joseph Fröhlich (1694 bis 1757) aus der Steiermark, der das ernsthafte Müllerhandwerk erlernte, aber in einem unernsten Gewerbe Karriere machte: Er wirkte als Taschenspieler mit dem Titel „Lustiger Rat“ am Dresdner Hof Augusts des Starken, des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen. Der andere Schelm hieß Peter Prosch (1744 bis 1804), ein Arme-Leute-Sohn aus Tirol, der sein Glück versuchte, indem er in Österreich und Süddeutschland von Fürstenhof zu Fürstenhof zog, in der Hoffnung, die jeweiligen Herrschaften mit seinen Albereien und Kunststückchen zu beeindrucken und dafür seinen und seiner Familie Unterhalt zu kassieren. Fröhlich war der Erfolgreichere, bekam vom sächsischen August ein Grundstück geschenkt, konnte sich darauf ein Haus bauen, er durfte den Fürsten sogar duzen. Prosch blieb der arme Hund, als der er begonnen hatte. In einem Brief an den Kollegen Fröhlich (den er nicht wirklich schrieb, aber hätte schreiben können) beklagte er sich bitter über die Behandlung, die ihm zuteilwurde, denn sein hochadliges Publikum erlaubte sich im Umgang mit ihm grausame Scherze.

Wofür stehen die beiden Narren im Rahmen der Lehre, die Schädlich uns erzählend vermittelt? Gewiss für den Typ Untertan, die sich ohne Rücksicht auf die eigene Persönlichkeit dem jeweiligen Regime unterwerfen, wenn dies nur etwas einbringt. Aber mehr noch kommt in den beiden Erzählungsteilen zum Ausdruck, nämlich Einblicke in Teile deutscher Geschichte. Indem Schädlich uns in den Lebensbereich der beiden närrischen Männer führt, öffnet er uns auch die Portale zu den Schlössern, in denen sie tätig wurden. Das heißt, er ermöglicht uns Blicke in das persönliche Tun und Lassen der Fürstregenten, in ihre Pläne und die Methoden, mit denen sie ihre Absichten zu realisieren trachten. Diese Herren deutscher Staatsgebilde sind adlig, aber ihr Handeln, jedenfalls das politische, ist selten edel. So weiß zum Beispiel der Narr Fröhlich im Zusammenhang mit dem Preußenkönig Friedrich dem Großen über Pläne und Vorkommnisse zu berichten, die in den Vorträgen unserer Lehrer oder in Büchern aus den Schränken unserer Väter selten bis gar nicht erwähnt wurden.

Was lehrt uns all das? Der Mensch, ob Fürst oder Narr, ist fehlbar. Wer den Anspruch erhebt, zum Weltverbesserer auserlesen zu sein, muss unbedingt mit der eigenen Verbesserung anfangen. Andernfalls wird die Welt bleiben, wie sie ist, oder sie wird noch schlimmer werden. Viel Zuversicht verbreitet die Lektion also nicht, die Hans Joachim Schädlich uns verpasst. Der Lesegenuss indes ist ungetrübt, denn: Sie ist in Heiterkeit verpackt.

Weitere Themen

Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

Lust und Wahrheit

Dantes Verse : Lust und Wahrheit

Dante war kein Dichter, der die Phantasie an die Macht wünschte: Die Einbildungskraft ist ihm ein Hindernis der Wahrheit.

Topmeldungen

Selbst über einen großen Abstand können Windpocken-Viren über die Luft übertragen werden - das scheint auch für die Delta-Variante zu gelten.

US-Behörde warnt : Delta-Variante ähnlich infektiös wie Windpocken

In einem internen Papier der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC wird davor gewarnt, wie infektiös die Delta-Variante ist. Auch von zweifach Geimpften kann demnach eine hohe Ansteckungsgefahr ausgehen.
Offenherzig: Pilot und Beiflieger sitzen in der Breezy im Freien und atmen dank des Heckmotors frische Luft.

Fliegen in der Breezy : Ein Flugzeug zum Selberbauen

Carl Friedrich Schmidt ist Musiker – und begeisterter Flieger. Für seine zweite Leidenschaft hat er sich deshalb ein eigenes Flugzeug gebaut. Mit einem Bausatz von Piper, Wankelmotor und viel Hingabe.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.