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Martin Walsers Buch „Spätdienst“ : Golgatha, Verdun und Auschwitz

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Martin Walser bei der Vorstellung seines Buches „Spätdienst“ am Sonntag im Stuttgarter Literaturhaus Bild: dpa

Unheimlicher Ausflug ins Vertraute: In seinem neuen Buch „Spätdienst“ provoziert Martin Walser wieder einmal mit seiner Sicht auf den Holocaust, baut aber in seinen Text einen Notausgang ein.

          Wie soll man mit dem Alterswerk des jetzt einundneunzigjährigen Martin Walsers umgehen: Jedes einzelne Wort abwägend, wie man es von einer Literaturkritik erwarten darf? Oder, wie es die Literaturkritikerin Iris Radisch ihrem Metier zum Vorwurf gemacht hat, großzügig, mit dem weiten Blick auf die zweifelsohne große Bedeutung dieses Autors? Eine Frage, die im Hinblick auf immer ausgedehntere Schreibkarrieren nicht nur Walsers literarische Arbeiten betrifft. Tatsächlich geht es hier nur um eine einzige schmale Passage aus Walsers neuem Buch „Spätdienst – Bekenntnis und Stimmung“. Dort heißt es in der ungewöhnlichen satztechnischen Form, in der das ganze Buch gehalten ist:

          „Ostern, schönes Feuilleton
          Aus Blut und Blüte,
          du, das feiern wir!
          Statt Golgatha, Verdun und Auschwitz
          lassen wir diesmal holzschnitthaft Hué herkommen
          und sagen keinem hierzulande nach,
          dass er diesen Krieg andauernd billigt,
          sagen das nicht der CDU nach,
          die diesen Krieg andauernd billigt,
          sagen das nicht der SPD nach,
          die diesen Krieg andauernd billigt.“









          Das Problematische dieser Zeilen besteht – soll man im Fall von Martin Walser sagen „abermals“? – darin, wie hier Auschwitz thematisiert wird. Die Passage suggeriert, dass Auschwitz unter verschiedenen Ereignissen einzureihen sei. Neben Jesu Kreuzigung auf Golgatha, der Schlacht von Verdun im Ersten Weltkrieg und ebendem Kampf um die Stadt Hué im Vietnam-Krieg erscheint Auschwitz in dieser Formulierung als eine tödliche Katastrophe unter vielen. Die Phrase „lassen wir diesmal holzschnitthaft Hué herkommen“ legt zudem nahe – als würde man im Karteikasten blättern –, dass sich diese Ereignisse jederzeit heranzitieren ließen und damit letztlich auch austauschen: Diesmal lässt man Hué herkommen, ein anderes Mal kann es ebenso gut Golgatha, Verdun oder Auschwitz sein.

          Auschwitz aber ist kein Phänomen, das man in eine Anadiplose einreihen kann. Es ist kein historisches Ereignis, das man auf Knopfdruck herkommen lässt oder wieder abbestellt, wenn es einem gerade nicht passt. Auch nicht, wenn dies nur in einem einzelnen Satz innerhalb eines Buchs geschieht. Und selbst dann nicht, wenn es sich – wie die für die Umschlagrückseite gewählte Bezeichnung „Lebensstenogramme“ nahelegt – um ein historisches Notat etwa aus dem Jahr 1968 handeln sollte, als in Hué von amerikanischen Truppen ein Massaker verübt wurde und CDU und SPD als erste Große Koalition in Bonn regierten. Denn weder musste man das damals schreiben, noch ist jemand dazu gezwungen, diese Formulierung fünfzig Jahre später zu wiederholen.

          Damit man sich zurückziehen kann

          Dass Walser die Schoa dann auch noch ausgerechnet unter dem Überbegriff eines zu „feiernden Osterns“ abhandelt, fügt der dumpfen Geschichtsrevision noch eine traurige Pointe hinzu: Der Massenmord an Juden soll eine ebensolche Engführung von Blut und Blüte sein, wie es die Ostererzählung des Christentums sei? Aufbruch und Vergehen in einem? Zumal dieser Konstruktion von vermeintlichen Gleichgewichten gleichzeitig ein altbekannter antisemitischer Topos unterliegt: als hätten auf der einen Seite die Juden ebenden christlichen Gottessohn ermordet, was auf der anderen Seite vermeintlich durch massenhaften Mord der Juden durch die Christen ausgeglichen worden sei. Was für ein abscheuliches Phantasma einer vermeintlichen historischen Gerechtigkeit.

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