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Martin Walsers Buch „Spätdienst“ : Golgatha, Verdun und Auschwitz

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Zwei Widmungen, eine Unterscheidung

Aber dennoch würde man, wenn man diese Aspekte in Betracht ziehen und eine Auseinandersetzung mit dezidiert literaturkritischen Kriterien beginnen würde, die Prioritäten auf den Kopf stellen. Oder anders gesagt: Es gehört zum Kalkül dieses Textes, dass er seine Leser und vor allem seine professionellen Kritiker, die in diesem Buch immer wieder direkt angesprochen werden, vor eine Entscheidung stellt: Na, überliest du den Kommentar geflissentlich, um dich auf den Rest des Buches zu fokussieren? Musst du, zumal als Literaturkritiker, nicht über Stenogrammstil und literarische Selbstentblößung schreiben, bevor du die Passage über Auschwitz vielleicht irgendwo als Randphänomen erwähnst?

Martin Walser: „Spätdienst“. Bekenntnis und Stimmung. Mit Arabesken von Alissa Walser. Rowohlt Verlag, Reinbek 2018. 207 S., geb., 20,– €.

Entweder hat man sich zum Komplizen gemacht: Einmal nur Auschwitz-Relativierung ist ja gar nicht schlimm. Oder verbeißt man sich als Literaturkritiker etwa an dieser einen Stelle? Dann ist einem das Literarische wohl nicht so viel wert? Dann hat man sich mal wieder – Kritiker sind so ausrechenbar – für die mediale Erregung und den Skandalruf entschieden. In Folge ist man also nur einer dieser überdrehten Schreihälse, die Literarisches nicht Literatur sein lassen können.

Martin Walser stellt seinem Buch zwei Widmungen voran, die eine Unterscheidung einführen. Das Buch sei, so die geschürte Erwartung, „für Gegner: ein gefundenes Fressen. Für meine Leser: vielleicht ein Ausflug ins Vertraute“. Im Anschluss an diese gesetzte Opposition muss man das Selbstverständliche wiederholen: Diese Überlegungen hier kommen nicht aufgrund einer vorab bestehenden Gegnerschaft zustande, sondern beruhen auf einer Lektüre, die weder erst mit diesem Band einsetzt noch nach dreizehn Seiten an der besagten Textstelle abgebrochen wäre.

Ein schlichtes Anliegen

Und es geht ausdrücklich nicht darum, Martin Walser zum Opfer einer Medienkampagne zu machen. Auch diese Konstellation nimmt Walsers „Spätdienst“ scheinbar vorweg. Inszeniert der Band doch mit reichlicher Lust an Drastik eine Figur des Autors, die vom „Mediengewimmel“ hingerichtet wurde:

„Zerquetscht wie andere Wesen liege ich auf der Bahn,
Innereien leuchten lächerlich zum Himmel,
ins Licht steht ein geborstener Zahn,
ich grüße die Töter, das Mediengewimmel!“


Es geht hier nicht darum – wie es das Bild imaginiert –, einen renommierten Autor wie eine Beute zu jagen. Das Anliegen lautet schlicht: eine klare Position deutlich zu machen. Und die Frage ernst zu nehmen, ob in einem Alterswerk nicht mehr jedes Wort von Gewicht sei. Wie lässt sich angemessen mit dem „Spätdienst“ eines renommierten Autors umgehen, wenn er seine Leser bei genauer Lektüre provokativ mit der Bagatellisierung von Auschwitz konfrontiert? Zumal, wenn dieses Buch von Seiten des Verlags als „die Summe, ja das Resultat der Poetik Martin Walsers“ präsentiert wird.

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