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Martin Walsers Buch „Spätdienst“ : Golgatha, Verdun und Auschwitz

  • -Aktualisiert am

Damit man als Leser genau weiß, wie es um einen steht, die besagte Aufzählung gleich danach mit der wiederholten, noch zugespitzten Aussage weiter:

„wir feiern vielmehr
feierlich statt
Golgatha, Verdun und Auschwitz
diesmal Hué.“


Da steht selbstverständlich nicht wörtlich, dass jemand Auschwitz feiern würde. Sondern dass dieses „wir“ ja Hué feiere, während auf alle anderen potentiellen Feierlichkeiten eben nur angespielt wird. Weil es eben schon reicht, dass sie ein andermal gefeiert werden könnten. So geht Provokation mit eingebautem Notausgang, durch den man sich jederzeit wieder zurückziehen kann: „Aber das habe ich doch gar nicht gesagt!“ Nein, nur suggeriert. Aber so sophisticated ist die Aussage auch wieder nicht. Es ist schon klar, was in den Anspielungsraum eingeschleust wird.

Inszenierung eines Schwellendaseins

Ist das zu streng gelesen? Von außen in den Text hineingetragen? Dann müsste sich allerdings eine harmlose Lesart dieser Passage entwickeln lassen. Die entfaltet sich aber nicht. Nimmt man jedes Wort der zitierten Textstelle ernst, gibt es hinter den Eindruck kein Zurück: Walser relativiert und bagatellisiert an dieser Stelle Auschwitz. Und es fällt extrem schwer, ernsthaft behaupten zu wollen, dass dies dem Autor einfach so unterläuft. Denn Walser fügt sich mit diesem „Bekenntnis“ (so ja das im Untertitel ausgewiesene Genre) in den direkten Zusammenhang mit seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an, in der er 1998 mit seiner Formulierung von der „Geißel Auschwitz“ exakt jener Relativierung und Verharmlosung der Schoa das Wort redete, um sich dann darauf zurückzuziehen, dass es sich um ein Missverständnis gehandelt habe. Walser und sein Verlag wissen um die Position des Schriftstellers im historischen Diskurs. Sie sind sich bewusst, welche Debatte er mit seiner damaligen Rede ausgelöst und für welche Positionen er als Legitimationsfigur gedient hat und weiterhin dient. Mit dieser persönlichen Geschichte unterläuft einem Autor seines Formats eine solche Textstelle nicht.

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Nun könnte man argumentieren: Diese Aussage kommt ja nur an einer einzigen Stelle vor und bleibt innerhalb des gesamten Buchs eine Marginalie. Vom Umfang her gesehen, stimmt das. Auf den noch folgenden 190 Seiten folgt kein Wort dieser Art mehr. Wenn man auch manche krude Kritikerbeschimpfung und eine Reihe toxischer Sätze wie: „Gräber bringen Glück“ oder „wie leicht ist es, einen Mann zu vergewaltigen. Man liegt da, rührt sich nicht, wünscht sich weg, stellt sich tot, es nützt nichts“ über sich ergehen lassen muss. Selbstverständlich ließe sich in einer üblichen Rezension einiges über die literarische Form der „Lebensstenogramme“ und deren chaotische Ordnung sagen, und sicherlich könnte man auch die topischen Eigenschaften des Alterswerks in Anschlag bringen, jene Inszenierung des Schwellendaseins zwischen Leben und Tod, die ihren Fokus auf basale Empfindungen und mitunter heftige Gefühls- und Gedankenausbrüche legt. Das mag alles zur Form dieses Schreibens gehören.

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