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Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage : An der Honiggrenze

Was für ein Idyll! Kleine Mädchen in wogenden Weizenfeldern, barfüßige junge Mütter, Sommerseelenverwandtschaften, einer kleiner Junge namens Karl, der plötzlich am Gartentor steht und aufgenommen wird, als habe er immer schon dazugehört, und weil sich alles so zwanglos fügt in diesem Provinzörtchen in den sechziger Jahren, ist auch nicht weiter verwunderlich, dass sich die grundverschiedenen Mütter von Aja und Therese irgendwann näherkommen und die eine der anderen sogar das Lesen und Schreiben beibringt. Das sind die Zutaten zu einer Heile-Welt-Schmonzette, die auch vor Zirkus- und Zigeunerklischees nicht zurückschreckt.

Jedes Idyll ist brüchig

Und tatsächlich arbeitet Zsusza Bánk gefährlich nah an der Honiggrenze, wo alles süß, zäh und klebrig wird, wo sich die Sehnsuchtsbilder verselbständigen und unaufhaltsam ihre Eigendynamik entfalten. Man kann nicht sagen, dass sie sich diesen Gravitationskräften immer ganz zu entziehen vermöchte, aber schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass die Autorin weiß, auf welches Wagnis sie sich eingelassen gelassen hat. Wie Évi, von der wir erst nach mehr als vierhundert Seiten erfahren, unter welchen Umständen sie Ungarn und den Zirkus verlassen hat, in dem sie als Seiltänzerin aufgetreten ist, balanciert Zsuzsa Bánk über einem Abgrund. Unten wartet, wie weicher, warmer Treibsand, der Kitsch. Sie wankt, aber sie stürzt nicht.

Denn wie schon in ihrem Debütroman „Der Schwimmer“ versteht es Zsuzsa Bánk, dem erstaunlichen Einfühlungsvermögen, mit dem sie sich in ihre kindlichen Heldinnen versetzt und das Geschehen aus ihrer Perspektive erzählt, jene Erfahrungen beizumischen, die Heranwachsende erst allmählich zu begreifen lernen: dass jedes Idyll brüchig ist, dass wir dunkle Schatten auch dort spüren, wo wir sie nicht sehen können, dass der Schmerz nicht vergeht, nur weil wir seine Ursache endlich zu kennen glauben.

Vom Fortwirken früher Verluste

Was Évi und Zigi trennt und vereint und warum von Thereses Vater nie die Rede ist; dass Karl, dessen Bruder spurlos verschwindet, sich den Mädchen nicht anschließt, weil sie fröhlich und sorglos wären, sondern weil sie selbstbewusste, von Verlusten früh gezeichnete Außenseiterinnen sind - all das wird erst nach und enthüllt, im Verlauf von mehr als fünfhundert Seiten, die mehrere Jahrzehnte umschließen. Denn Bánk begleitet das Dreieck der Kinder durch Jugend und Studium und von Kirchblüt bis nach Rom, wo aus den Freundinnen Rivalinnen um Karls Liebe werden.

Wie schon in „Der Schwimmer“ ist auch in Zsusza Bánks zweitem Roman der Ungarn-Aufstand, nach dem die Eltern der 1965 in Frankfurt geborenen Autorin ihre Heimat verlassen haben, der Ausgangspunkt für eine Familiengeschichte, die vor allem vom Fortwirken früher Verluste erzählt, aber auch von den Verheerungen, die das Schweigen und die Eifersucht anrichten können.

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