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: Zinnsoldaten für Afrika

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Alles beginnt mit einer Landkarte: "Das Papier zeigt einen warmen Gelbton, wie sonnenbeschienener Sand" - zweifellos ein treffender Vergleich, denn es handelt sich um eine Karte von Deutsch-Südwestafrika, einem sonnenbeschienenen und sicher auch sehr sandigen Land, das hier maßstabsgetreu dargestellt ...

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          Alles beginnt mit einer Landkarte: "Das Papier zeigt einen warmen Gelbton, wie sonnenbeschienener Sand" - zweifellos ein treffender Vergleich, denn es handelt sich um eine Karte von Deutsch-Südwestafrika, einem sonnenbeschienenen und sicher auch sehr sandigen Land, das hier maßstabsgetreu dargestellt wird. "Ein wirres Geflecht feiner schwarzer Linien" zeigt es bei näherer Betrachtung, "ein morsches, löcheriges Fischernetz mit zu großen Maschen, das sind die Verkehrswege, Straßen oder Pfade. Von der Küste her windet sich ein kräftiger Strich ins Binnenland und markiert die einzige Eisenbahnstrecke."

          Diesen spärlichen Spuren deutscher Inbesitznahme folgen immerhin Ortsnamen, die auf der Karte verzeichnet sind und der wüsten Ferne einen Hauch von Heimat beigeben: "Wilhelmshöhe, Wilhelmstal, Wilhelmsfeste". Und schon finden wir uns mitten in einem Szenario, das in zahllosen Abenteuergeschichten erprobt worden ist: die Konfrontation des Europäers mit einer wirren Fremde, die er in seinem Maßstab fassen will, bis er bemerkt, daß die vertrauten Ordnungsmuster doch ziemlich morsch und löchrig sind. Die Landkarte bietet dazu immer beides: daheim die lockende Verheißung ferner Welten und, vor Ort betrachtet, die Befürchtung, daß man sich mit ihr nur verirren kann.

          Mit einer solchen Kartenkontemplation beginnt "Herero", der dickleibige und höchst bemerkenswerte Roman, mit dem der Cartoonist Gerhard Seyfried in diesem Frühjahr eine Wendung zum historischen Erzähler nimmt. Daß er sich dazu einen Kartenzeichner als Hauptfigur und Alter ego auserkoren hat, sagt bereits sehr viel über sein Buch. Denn aus jeder Zeile spricht ihm das Verlangen, ein entlegenes Land so detailgetreu wie möglich zu erfassen, und sei es auch nur, dessen Oberfläche durch farbige Vergleiche nachzubilden. Dabei zeigt sich der Erzähler wie jeder Kartograph besonders von den weißen Flecken fasziniert, die in der klassischen Zeit der Abenteurer Pioniergeist wie Entdeckerlust antrieben. Für Seyfried jedoch sind dies die weißen Flecken unserer Erinnerung, Leerstellen im historischen Gedächtnis, die es mit den Möglichkeiten epischer Ausmalung zu füllen gilt.

          Die Schlacht am Waterberg - wem, außer ein paar Fachleuten, sagt das heute irgendwas? Dabei steht sie für einen der schrecklichsten Feldzüge der deutschen Militärgeschichte, mit dem das Kaiserreich seine verspäteten Kolonialansprüche sowie die Weltmachtgeltung verteidigen zu müssen glaubte. Vorrangig sollte er aufständige Hereros, die sich der Annexion des Landes widersetzten, rasch befrieden. Bald aber eskalierte er zu einer plamäßigen Vernichtungskampagne, die sich gegen ein ganzes Volk richtete und mit dem Einsatz von Konzentrationslagern wie ein Probelauf im Wüstensand für spätere Schrecken erscheint. Einstmals Gegenstand wilhelminischer Erfolgsromane wie "Peter Moors Fahrt nach Südwest" oder auch Vorlage für aufwendige Zirkusspektakel, in denen ein Heer von Statisten und Tieren den so entbehrungs- wie siegreichen Wüstenfeldzug vor Berliner Publikum nachspielte, ist dieses deutsche Kapitel mittlerweile kaum mehr bekannt und jedenfalls im allgemeinen historischen Bewußtsein von der Aufarbeitung späterer Völkermorde überlagert.

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