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Zeruya Shalev: Für den Rest des Lebens : Der Tod ist doch nur das Aufwachen aus dem Leben

  • -Aktualisiert am

Bild: Berlin Verlag

Ein kleiner Junge als ganz großes Bedürfnis: Zeruya Shalev erzählt in ihrem vierten Roman von einer Frau, die bereit ist, für ein Kind alles aufs Spiel zu setzen.

          4 Min.

          Zeruya Shalevs heute erscheinendes Buch „Für den Rest des Lebens“ ist ein ehrgeiziges Unternehmen, das sich über vier Generationen erstreckt und in dessen Zentrum der fast besessene Wunsch einer Frau steht, ein Kind zu adoptieren. Ihr Begehren ist von dem Wissen ausgelöst, dass ihre Tochter einen männlichen Zwilling hatte, der vor der Geburt gestorben ist.

          Dina ist sechsundvierzig Jahre alt, sie leidet unter hormonellen Störungen und wirft sich vor, nicht rechtzeitig ein weiteres Kind gezeugt zu haben. Wie es mit Obsessionen so geht, wechseln die Begründungen. Zunächst steht sie zu ihrem Egoismus: es komme ihr nicht aufs Glück eines Kindes, sondern auf das eigene Liebesbedürfnis an, seit Nizan, ihre sechzehnjährige Tochter, ein unabhängiges Leben zu führen beginnt. Doch im Laufe der Geschichte, die auf den Untertitel „Roman“ verzichtet, rückt das hehre Motiv, einen auf die Adoption wartenden sibirischen Knaben mit ihrer Liebe zu beschenken, in den Vordergrund. Der Leser unterschreibt diese Version der Dinge nur zögernd, denn gleich zu Beginn klingelt Dinas Telefon eine Stunde lang Sturm, ohne dass sie auf den Ruf reagierte. Von der Mutter einer Schülerin möchte man mehr Phantasie für mögliche Krisen erwarten. Tatsächlich ist es Chemda, Dinas todkranke Mutter, die sie zu erreichen versucht, stattdessen von ihrem Sohn Avner gefunden und bewusstlos ins Krankenhaus transportiert wird. Als Dina endlich verständigt ist und sich auf den Weg macht, besucht sie zuerst die Entbindungsstation, in der sie nach Nizans Geburt gelegen hat. Als sie dort auf eine Studentin trifft, deren junges Mutterglück sie verstört, fällt die eigene Mutter ihr ein: „Vielleicht macht sie gerade in diesem Moment ihren letzten Atemzug.“

          Mit der Liebe zur Mutter ist es nicht weit her, auch Avner drückt sich um die Krankenwache auf der Intensivstation: Fasziniert von einer Fremden, die am Nebenbett bei einem Sterbenden sitzt und ihn mit liebevollen Worten tröstet, schiebt er das Bett der Mutter bis zum Ausgang und lässt es dort im Stich, um herauszufinden, wohin das Paar plötzlich verschwunden ist. Wie seine Schwester jagt er dem Ideal eines Liebens nach, das nicht von den Kompromissen und ärgerlichen Details alltäglicher Beziehungen getrübt ist. Beide möchten ohne Belastungen von vorn anfangen mit der Liebe: am Höhepunkt einer Paarbeziehung wie Avner, der sich ins verwaiste Bett des Sterbenden legt und alles daransetzt, dessen Rolle zu beerben, oder mit der Adoption eines zweijährigen Knaben, den Dina sich als im Zenit seines kindlichen Liebreizes denkt. Die Verantwortung für ihr Unglück schieben beide der Mutter zu, die Dina zu wenig und Avner zu sehr geliebt hat. Um ihrer Umarmung zu entgehen, will er zu früh geheiratet haben, und auch den Abbruch seiner militärischen Karriere führt der Beduinen-Anwalt auf Chemdas verweichlichende Erziehung zurück.

          Seelenpein und Lebenshunger

          Gute fünfhundert Seiten lang drückt der Roman auf die Pedale, Perspektiven wechseln, doch das emotionale Drama ist allgegenwärtig. Der nahe Tod der Mutter macht die Sinnfrage akut, er lässt Auseinandersetzungen aller Art ausbrechen, mühsame, seitenlange Ehestreitigkeiten, gequälte Rückblicke, Selbstkasteiungen und stets auch die fieberhafte Suche nach dem erlösenden Ausweg. Dabei fühlt man sich wie bei einer Familienaufstellung, die Figuren schlüpfen in die Position der anderen, kopieren sich wechselseitig. Angesichts solcher Rollenspiele ist Nizans Vorwurf, ihre Mutter wolle sie gegen ein neues Kind austauschen, nicht unberechtigt.

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