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: Zeitverschiebung

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Dann laufen wir den Rißweg hinab, der in weitem Bogen der Grundstraße unten im Tal zwischen Weißer Hirsch und Loschwitzhöhe zustrebt. Vor dem letzten, steilsten Stück ist der Weg gesperrt, wir umgehen die Barrikade und sind auf der alten Abfahrtsstrecke der beiden Tellkamp-Brüder, die sich im Winter auf 2,20 Meter langen Skiern mit Stahlkanten und in geliehenen Skistiefeln hier herabgestürzt haben. "Wir waren wahnsinnig", lacht Tellkamp und krempelt das linke Hosenbein hoch, um eine Narbe zu zeigen, die zurückblieb, als sein jüngerer Bruder einen Draht quer über die Strecke gespannt hatte.

In der Grundstraße erzähle ich ihm von meiner Verwirrung, die er durch die Schilderung der gar nicht vorhandenen Brücke ausgelöst hatte - und da stößt er ein tief befriedigtes "Ja" hervor, Triumph des Romanciers, der selbst einem Ortskundigen seine Vision aufzwingt. Ein alter Heimatforscher, mit dem er bei seinen Recherchen für das Buch immer wieder zusammengearbeitet hat, habe ihm kürzlich eine Postkarte aus den dreißiger Jahren zugeschickt, auf der genau an der Stelle, wo er die Brücke imaginiert hatte, eine eingezeichnet war: Modell eines Prestigebaus der Nationalsozialisten, der nie zustande gekommen ist. Für Tellkamp war das die Bestätigung, dass seine Phantasie glaubwürdig geraten war.

Ansonsten gibt es für alles reale Vorbilder. Auf die Frage, warum er bisweilen Namen ändere, dann aber auch wieder nicht, antwortet er, dass dies eine Frage der Bedeutung der jeweiligen Figuren sei: "Wenn sie eine wichtige Rolle spielen, wurden die Namen geändert. Werden sie dagegen nur erwähnt, habe ich alles gelassen, wie es tatsächlich war." So wird denn auch einmal, auf Seite 716, ein Mediziner namens Tellkamp im Roman erwähnt. "Ja, das war mein Onkel. So wirkt das Ganze authentischer, und außerdem kann ich allen Lesern, die behaupten, ich erzählte nur autobiographisch und Christian wäre mein Alter Ego, antworten: Wieso? Da habt ihr doch den Namen Tellkamp im Buch. Und der hat mit den Hoffmanns gar nichts zu tun."

Am Schluss, nach drei Stunden Wanderung, kehren wir am anderen Elbufer in der "Villa Marie" gleich am Blauen Wunder ein. Morgen hat er seine erste Lesung aus "Der Turm" in Dresden. "Die macht mir Sorgen", gibt er zu. "Die Dresdner sind so stolz auf ihre Stadt, die werden mir meine Rede von ,der süßen Krankheit Gestern', an der die hiesige Gesellschaft leidet, wohl übelnehmen." Doch das Erbe dieser Stadt im Leben Tellkamps hat in dem Roman nach mehr als zwanzig Jahren Vorbereitung endlich seine Form gefunden. "Schon in meinem Armeetagebuch von 1986", so hat er mir erzählt, "findet sich der Titel ,Der Turm' - als Synonym für Rückzug, Widerstand, eine herausragende Position, aber auch für die Sprachenverwirrung, wie sie der Turmbau zu Babel hervorgebracht hat. Denn das ist die DDR ja auch gewesen: ein Staat, in dem man sich gegenseitig nicht mehr verstand." Jenseits des Flusses liegen die Elbhänge, die das Andenken an diese unverständige Gesellschaft fortan für immer literarisch bewahren werden.

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