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: Zeitverschiebung

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Tellkamp blickt die Künzelmannstraße hoch, an deren Ende, Ecke Lahmannring, die Zentralschließfächer standen. Briefkästen für das ganze Viertel, damit der Postbote nicht zu jedem einzelnen Haus laufen musste. "Ich erinnere mich an das typische Samstagmorgengeräusch", sagt er, "wenn am späten Vormittag die Männer in ihren Hausschuhen hier die Straße hochschlurften, während die Frauen das Mittagessen vorbereiteten - bei Bildungsbürgern kochen ja immer die Frauen. An den Schließfächern traf man sich dann, und es wurde stundenlang geschwatzt. Das wurde der Parteiführung so unheimlich, dass die Briefe wieder den einzelnen Haushalten zugestellt wurden."

Wir schlendern die Straße hoch, an dem Jugendstilhaus vorbei, das in "Der Turm" den Namen Elefant trägt: nach der rüsselartigen Balkonfront auf der vorderen Ecke. In den Phantasienamen des Buchs ist die Faszination des jungen Uwe Tellkamp aufgehoben, eines Kindes, das hier in der Ruhe des Villenviertels zwischen den verfallenden Gebäuden eine verwunschene Welt erlebte, wie man sie nur aus den Märchen von Wilhelm Hauff oder Tausendundeiner Nacht kennt.

Am Lahmannring gehen wir an den alten Russenresidenzen vorbei. "Niemand hätte sich je mit denen eingelassen. Das waren für uns Besatzer." Auf der anderen Seite der Bautzner Straße liegt das alte Sanatorium, das mittlerweile fast verfallen ist. Auch das gehörte den Russen. Darin gab es einen Laden namens "Magasin", und Tellkamp erinnert sich, dass man in ihm Lebensmittel kaufen konnte, die es sonst nirgendwo gab.

Dann ist die Oskar-Pietsch-Straße erreicht, wo rechts, im ersten Stock der Nummer 9, die Familie von Uwe Tellkamp wohnte. Ein wenig Fachwerk im Giebelfeld, großer eingebauter Balkon, ein von einer Säule gestützter Eingang - das ist das Haus Karavelle aus "Der Turm". Tellkamp schaut nicht auf die Klingelschilder der heutigen Bewohner, aber dass vor der Tür noch die Lampe hängt, die sein Vater dort aufgehängt hat, das berührt ihn. Ein letzter Gruß aus der Vergangenheit.

Auf der anderen Straßenseite liegt das Haus Abendstern, wo seinerzeit Tellkamps Onkel wohnte, der dem Schwager 1977 den Hinweis gab, dass gegenüber eine Etage frei geworden war. Als Chirurg und Vater von zwei Kindern durfte dieser sich gute Chancen ausrechnen, doch es waren gute Beziehungen zur kommunalen Wohnungsverwaltung und einige Begünstigungen nötig, um sich das neue Heim tatsächlich zu sichern.

Uwe Tellkamp, der in dieser Straße lebte, bis er 1986 zur Nationalen Volksarmee eingezogen wurde, hat zu jedem Haus Geschichten parat, kennt alle früheren Bewohner, die mittlerweile aber größtenteils weggezogen sind, weil die meisten Villen an Alteigentümer aus dem Westen zurückgegeben wurden. In einem unscheinbaren Haus um die Ecke in der Zwanzigerstraße lebte früher ein Cellist der Dresdner Staatskapelle, dem die Stasi beim Verhör die Finger gebrochen hat.

Über Berglehne und Sonnenleite geht es zurück zum Rißweg, den wir schon am Beginn der Oskar-Pietsch-Straße gekreuzt hatten. Dort war früher die Schneiderei Harmonie, und auf der anderen Seite gibt es immer noch die Bäckerei Walther, deren Semmeln im "Turm" buchstäblich besungen werden. Tellkamp tritt ein und kauft mir eine. Sie ist gut, aber den Vergleich mit den früher billiger verkauften "Lehrlingsbrötchen", die besonders geschätzt wurden, halten sie für Tellkamp nicht aus. Vor der staunenden Verkäuferin, einer jungen Frau, die 1989 gerade einmal geboren gewesen sein dürfte, beschwört er die alte Backstube herauf. Er erinnert jedes Detail. Das ist keine Ostalgie, sondern Rückkehr zu den Eckpfeilern einer Kindheit - so wie auch "Der Turm" nie in Gefahr gerät, ein sentimentales Bild von der DDR zu zeichnen.

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