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: Zeitverschiebung

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Die Plattleite erreicht ihren steilsten Abschnitt, eine Treppe erleichtert den Aufstieg, doch wir bleiben auf dem Kopfsteinpflaster. Oben angekommen, stehen wir vor dem Ardenne-Institut, an der frisch renovierten Volkssternwarte. "Diese Existenz eines Barons, der sich im Sozialismus alles herausnehmen konnte, ist faszinierend. Ardenne war der Pate meiner Schulklasse, also kamen wir an seinem Geburtstag immer hierher, um ihm ein Ständchen zu bringen. So habe ich das Innere der Villa kennengelernt."

An der nächsten Kreuzung beginnt das Kerngebiet des Romans. Aus der Wolfshügelstraße ist darin die Wolfsleite geworden, und als wir hineingegangen sind, liegt schräg gegenüber auf der Ecke zur Collenbuschstraße das Vorbild für Haus Wolfsstein, ein gebautes Gebirge mit achteckigem turmartigen Anbau, der in Tellkamps Jugend "das Fagott" genannt wurde - dabei ist es auch im Buch geblieben.

Links herab ist am Ende der Collenbuschstraße auf der Terrasse mit Elbaussicht, die in der DDR "Friedensblick" hieß, bereits der Obelisk zu sehen. In der Mitte des alten Geländers vor ihm ist die Silhouette eines springenden Hirsches in ein Medaillon eingearbeitet: Reminiszenz an den Namen des Viertels. Im Buch ist an der Stelle statt des Hirsches eine Nautilusmuschel angebracht. "Das ist mein geheimes Siegel im Roman. Wenn es etwas gibt, was mir wichtiger ist als alles andere, dann sind es die Musikschallplatten, die ich in meiner Kindheit gehört habe. Ihre Spiralrillen tauchen da, zur Nautilusmuschel verformt, im Buch wieder auf."

Wie auch die Platten selbst, die im Roman zu regelrechten Duellen gegeneinander eingesetzt werden: die Interpretationen von Swjatoslaw Richter gegen die von Emil Gilels oder Westpressungen der Deutschen Grammophon gegen deren ostdeutsche Lizenzausgaben. Später auf unserem Weg wird Tellkamp von der Dame erzählen, die schräg gegenüber von seinem Elternhaus wohnte und bei offenem Fenster fleißig Bach am Klavier übte, was den böswilligen Knaben dazu verleitete, im Wohnzimmer Richters Einspielung des "Wohltemperierten Klaviers" aufzulegen und bei voller Lautstärke über die Straße schallen zu lassen.

Doch noch sind wir am Obelisken, weit weg von der Oskar-Pietsch-Straße 9, wo Familie Tellkamp seinerzeit wohnte. Am Ende der Collenbuschstraße, bevor sie als Künzelmannstraße wieder hangaufwärts abknickt, liegt das Vorbild fürs Tausendaugenhaus, wo Meno Rohde, der Onkel von Christian Hoffmann, wohnt. Der im Buch geschilderte Wintergarten ist mittlerweile abgerissen, und das Gartenhaus steht in Wirklichkeit auf einem ganz anderen Anwesen. Die Villa selbst ist aufs schönste restauriert, doch Tellkamp zeigt auf ein unscheinbares Mauerstück am Rand des Bürgersteigs: "So sah früher der ganze Weiße Hirsch aus. Feuchte Wände mit abgeblättertem Putz - ein Anblick, den man kaum beschreiben kann, für den ich eine halbe Seite gebraucht habe, um nur die Farbe heraufzubeschwören."

Hier ist die Pflanzenwelt immer dabei, die Häuser zu überwuchern. Noch in die schmiedeeisernen Gitter der Gärten haben die Architekten Ranken und Blüten einarbeiten lassen, als gäbe das Menschenwerk sich schon geschlagen.

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