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: Zeitverschiebung

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Im Buch heißt sie Turmstraße und ist die zentrale Straße jenes bürgerlichen Viertels, dessen Bewohner sich danach die Türmer nennen. Sie leben verteilt auf die zwischen 1895 und 1910 gebauten Villen, deren Architekten sich bei allen Stilen der europäischen Baugeschichten bedient haben, um ein Märchenland hoch über der Elbe zu erschaffen. Roman und Wirklichkeit vermischen sich, denn es gibt diese eklektizistische Wunderwelt tatsächlich. Ihre Ausstattung gehorchte keiner Planung, hier konnte sich jeder finanzkräftige Bauherr seine Träume erfüllen, doch in der Liebe zum verwunschenen Detail und zur Einbettung der Häuser in die grandiose Hanglandschaft tritt zutage, was Uwe Tellkamp auf den Begriff bringt: "der Wille zum Zauberberg".

Wir sind ein Stück die Plattleite hinaufgelaufen, da hält Tellkamp an einem steinernen Torbogen: "Dahinter geht es zum Spinnwebhaus. Als Kind war ich dort drin, und es war genauso, wie ich es im Buch beschreibe: die Bildergalerie, der seltsame Künstler. Hier vorne stand damals noch der Brunnenwels, der ist vor ein paar Jahren verschwunden." Er zeigt auf die Reste des originalen Mauerwerks im ausgebesserten Bogen, erinnert sich an die Eindrücke aus der Kindheit.

Die Familie ist 1977 auf den Weißen Hirsch gezogen, da war Uwe Tellkamp neun Jahre alt. Zuvor lebte sie in einem zehnstöckigen Plattenbau in der Dresdner Johannstadt. "Hätten meine Eltern nicht die Wohnung hier zugesprochen bekommen, dann hätten sie wohl einen Ausreiseantrag gestellt. Nicht aus Anspruchsdenken, sondern weil das der letzte Tropfen gewesen wäre, der das Fass zum Überlaufen gebracht hätte. Auf dem Weißen Hirsch konnte man sich der Illusion hingeben, der DDR-Tristesse zu entfliehen. Aber das war reine Illusion."

Was mich an "Der Turm" besonders fasziniert hat, ist das Porträt eines Bürgertums, das sich in die Kultur flüchtet, das die Zumutungen der Staatsideologie ignoriert und seine Werte auf Literatur und Musik gründet, die aus den Jahren vor der DDR stammen. So existierte in Ostdeutschland eine Schicht, für die Kultur ein Überlebensmittel war, und diese Ernsthaftigkeit im Umgang mit den Künsten ist nach 1989 beibehalten worden - unbeeinflusst von den Verlockungen von Popkultur oder bloßer Unterhaltung. Tellkamps Familie gehörte dazu, und man merkt ihm an, dass er sich aus der Zeit gefallen fühlt. "Heute wird gar nicht begriffen, was Romane leisten können. Dass sie einen Zugang zur Welt bieten, den Geschichtsbücher oder Philosophie gar nicht leisten können. Ich habe keine große Hoffnung für Bücher wie meines, die Zahl der Leser, die damit etwas anfangen können, wird immer kleiner."

Wir sind höher gewandert. Die Plattleite verläuft hier wie ein Hohlweg zwischen den Gartenterrassen der prunkvollen Anwesen. An der Wegbiegung, wo es rechts in die Weinleite hineingeht, eine kleine Stichstraße, die an der Strecke der Standseilbahn endet, weist Tellkamp auf eine Hofeinfahrt: "Hier gab es im Sommer große Feste. Es wurden Tische und Bänke herausgestellt, und man trug gewaltige Mengen Speisen zusammen. Von überall her kam Musik aus den Häusern." Von solchen Feiern wird er noch oft erzählen auf unserem Marsch durch das Viertel.

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