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: Zeit der Asche und der wandelnden Toten

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Wer diesen Roman liest, versteht, was Kleist meinte mit den "abgeschnittenen Augenlidern". Wir werden untergehen, sagen jetzt wieder viele. Der amerikanische Schriftsteller T. C. Boyle hat es gerade in einem Essay in der "Zeit" gesagt. Das Ende der Natur stehe bevor und damit unseres, es gebe keine ...

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          Wer diesen Roman liest, versteht, was Kleist meinte mit den "abgeschnittenen Augenlidern". Wir werden untergehen, sagen jetzt wieder viele. Der amerikanische Schriftsteller T. C. Boyle hat es gerade in einem Essay in der "Zeit" gesagt. Das Ende der Natur stehe bevor und damit unseres, es gebe keine Hoffnung mehr, weshalb Boyle den Schriftsteller von heute (und den Philosophen, den Automobilarbeiter, Umweltschützer, Komponisten und jeden, der über den nächsten Ausschlag im Aktienmarkt hinausdenkt) vor ein Rätsel gestellt sieht: "Wenn schon die Existenzialisten der fünfziger und sechziger Jahre der Meinung waren, es sei lächerlich, Sinn in einer Existenz zu sehen, die sich auf nichts gründet und mit dem Tod endet, was" - fragt Boyle - "ist dann erst mit uns? Warum Zähne putzen oder zur Schule gehen, warum Kinder großziehen, Miete zahlen, überhaupt einen Finger rühren, wenn alles bedeutungslos und nur der Tod gewiss ist?"

          T. C. Boyle wüsste, warum er sich die Zähne putzen muss, würde es mit aller Wahrscheinlichkeit sogar sehr gerne tun, gar nicht erst fragen, hätte er den neuen Roman von Cormac McCarthy gelesen: "Die Straße". Dieser Roman ist eine Endzeitvision, für die McCarthy in der vergangenen Woche den Pulitzer-Preis bekommen hat. Die Welt droht nicht unterzugehen in diesem Roman, sie ist bereits untergegangen, am Ende, ausgebrannt, düster, ohne jede Farbe; ein einziger, ressourcenloser Müllhaufen, überzogen mit einem Schleier aus graudreckiger Asche, ein totes, ausgeplündertes Land, auf dem bloß noch vereinzelt Subjekte herumkriechen, kannibalistische Horden, die sich gegenseitig grillen, weil sonst nichts Essbares mehr da ist, keine Tiere, nichts, nur zwei letzte Menschen: ein Mann und sein etwa zehn Jahre alter Sohn. Auf einer Straße gehen sie Richtung Süden. Sie hoffen, dass es dort wärmer sein könnte und heller. Sie versuchen, mit den letzten Überresten, die sie in leerstehenden Häusern finden, zu überleben, verständigen sich in knappen Dialogen: "Ich habe ein paar komische Träume gehabt. - Wovon denn? - Das will ich dir nicht sagen. - Das ist schon okay. Ich möchte, dass du dir die Zähne putzt. - Mit richtiger Zahnpasta. - Ja. - Okay."

          Wenn alles verloren ist, erscheint jede noch so kleine menschliche Handlung kostbar und sinnvoll. Denn darum geht es bei McCarthy: um den Versuch, in einer entmenschlichten, lebensfeindlichen Umwelt in irgendeiner Weise noch Mensch zu bleiben.

          In den letzten Jahren waren Visionen der Apokalypse vor allem eine Angelegenheit des Science-Fiction-Genres. McCarthys Roman ist aber keine Science-Fiction. "Die Straße" erinnert, vor allem dort, wo gesprochen wird, eher an Samuel Beckett, an die "Steinöde" aus "Krapp's last tape" etwa. Denn wie Beckett ist McCarthy ein großer Sprachverknapper. Er entfernt alles Nebensächliche, Zufällige, um zum Wesentlichen vorzudringen. Und zwischen diesen Dialogen zeichnet er Bilder des toten Lands, die von einer solchen poetischen Kraft sind, dass sie einen tatsächlich treffen wie der Schlag. Man kann gar nicht anders, als sich mit McCarthy hineinzubegeben in das absolute Dunkel, man ist mit dem Mann und dem Sohn dort, wo es nicht mehr wärmer und auch nicht mehr heller wird. Auch nicht im Süden. Die Finsternis wird zum Sog.

          Dabei bleibt im Verborgenen, wie genau alles angefangen hat. Nur einmal gibt es in der Erinnerung des Mannes einen Hinweis: "Die Uhren blieben um 1 Uhr 17 stehen. Eine lange Lichtklinge, gefolgt von einer Reihe leiser Erschütterungen. Er stand auf und trat ans Fenster. Was ist das?, fragte sie. Er gab keine Antwort. Er ging ins Bad und betätigte den Lichtschalter, aber der Strom war bereits ausgefallen." Sie sind, als der Welt die Sicherungen durchbrannten, noch zu dritt. Die Mutter begeht kurz darauf Selbstmord, weil sie es nicht ertragen kann, zu einer "wandelnden Toten in einem Horrorfilm" zu werden. Und der Sohn wird gewissermaßen in den Untergang hineingeboren. Er hat die alte Welt nie gesehen, kennt den Geschmack von Coca-Cola nicht und hat nur davon gehört, dass das Meer blau ist: "ein Geschöpf", so heißt es im Roman, "perfekt darauf hinentwickelt, seinen eigenen Untergang zu erleben". Mit einer zerfledderten Straßenkarte der Ölgesellschaft in der Tasche bewegen sich der Mann und der Junge - lange nach dem Ende der Ölgesellschaften - also die Straße entlang. Kein Tag weist über sich hinaus. Die entmenschlichte Umgebung erlaubt nur noch archaische Unterscheidungen. Was zählt, ist Gut oder Böse: "Ich wünschte, wir könnten hierbleiben", sagt der Junge, als sie einen Atombunker entdecken, sich für kurze Zeit in Sicherheit wähnen, sich waschen und etwas essen können. "Ich weiß", antwortet der Vater. - "Wir könnten doch aufpassen." - "Wir passen auf." - "Und wenn ein paar Gute kämen?" - "Also, ich glaube nicht, dass wir auf der Straße unbedingt irgendwelche Guten treffen." - "Wir sind doch auch auf der Straße." - "Ich weiß."

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