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Zadie Smith: Das Buch der anderen : Aus dem Leben führt keine Strickleiter

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Erfindet jemanden! Zadie Smith hat zwanzig prominente Autorenkollegen um Charakterstudien gebeten. Das Ergebnis: ein literarisches Marionettentheater.

          4 Min.

          Neben dem angeblichen wirklichen Leben existiert in der literarischen Vorstellung ein herrliches Paralleluniversum, bevölkert von bereits erdachten oder noch zu erfindenden Figuren. Die Möglichkeiten zur Charakterschöpfung sind unendlich, und vielfältig die Methoden, sie umzusetzen: Manche Figuren lernt der Leser allein durch die Augen ihrer Umgebung kennen, andere aus ihrer Innensicht auf die Welt und das, was ihnen darin widerfährt, wieder andere weisen sich nur durch ihre Handlungen aus und andere verraten sich durch das, was sie sagen. Ganz wie im wirklichen Leben klaffen auch bei literarischen Persönlichkeiten Außen- und Selbstwahrnehmung oft weit auseinander. Und auch nur wenige imaginäre Biographien hinterlassen bleibenden Eindruck; denn um jenseits des Papiers, also im Gedächtnis des Lesers, überlebensfähig zu sein, braucht eine literarische Figur Eigenschaften, Angewohnheiten, Spleens, Sehnsüchte, eine Aufgabe oder ein Geheimnis – und eine Situation, in der dies zum Tragen kommt.

          Den einundzwanzig Stories des „Buchs der anderen“ zufolge sind die Konturen eines Charakters leicht zu erfinden; Gegebenheiten, unter denen dieser sich erweisen kann, hingegen weniger. Die Londoner Schriftstellerin Zadie Smith, die in ihrer britischen Heimat soeben einen klugen neuen Essayband veröffentlicht und überdies ihre glückliche Genesung von „fiction fatigue“, also eines gewissen Phantasieüberdrusses, verkündet hat, konnte zwanzig namhafte Autorenkollegen von beiden Seiten des Atlantiks zur Teilnahme an dieser ungewöhnlichen Anthologie gewinnen. „Das Buch der anderen“ lässt sich als Porträtgalerie und Werkstattgespräch in einem lesen, und dient nicht nur dem besten aller Zwecke, nämlich den Leser für sich einzunehmen, sondern zusätzlich kommen alle Erlöse „826 New York“ zugute, der von David Eggers ins Leben gerufenen Schreibschule in Brooklyn.

          Kaum Hauptfiguren

          Die von Zadie Smith gestellte Aufgabe lautete: Erfindet jemanden! Keine Vorgaben, kein Zwang – und um der guten Sache willen auch kein Honorar. Diese Freiheit, die der Herausgeberin zufolge jenem seligen Urzustand (brotlos, aber kreativ) ähnelt, den Schriftsteller in ihrer Anfangszeit nicht genug zu schätzen wissen, hat einige Figuren hervorgebracht, die in ihrer Vielschichtigkeit unmittelbar glaubwürdig sind und die, wie A. L. Kennedys „Frank“ oder Colm Tóibíns „Donal Webster“, auch einen ganzen Roman als Protagonisten schultern könnten. Dass gerade diese beiden Charaktere, die besten Geschichten des Bandes, deutschen Lesern bereits in eigenen Erzählungsbänden der Autoren über den Weg gelaufen sind, ändert zwar nichts an der Qualität der Stories, ist aber für die Wirkung des Projekts ingesamt schade, wie überhaupt knapp die Hälfte der Geschichten zuvor bereits an anderer Stelle, in Zeitungen und Magazinen erschienen sind. (Ein Schelm, wer vermutet, dass die Autoren so das fehlende Honorar ausgeglichen haben.) Außerdem zählt „Das Buch der anderen“ zwei Beiträge weniger als die englische Originalausgabe von 2007, die noch Comics von Daniel Clowes und Chris Ware enthielt.

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