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Yoram Kaniuk: 1948 : Der blutige Kampf um ein Irrenhaus in der Wüste

Bild: Verlag

Mit dem Roman „1948“ hat der vor einer Woche verstorbene israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk sein literarisches Vermächtnis geschaffen: ein Buch, dass Israels Unabhängigkeitskrieg aus der Sicht eines Siebzehnjährigen schildert und den Mythos, der die Staatsgründung bis heute umgibt, umfassend in Frage stellt.

          Schon wieder ein Buch vom Krieg. Muss das sein? Ja, es muss sein. Denn dieses Buch ist das Vermächtnis eines großen Schriftstellers. Denn dieses Buch erzählt von einem Krieg, von dem die meisten von uns nur sehr wenig wissen. Denn dieses Buch führt zurück in eine Zeit, in der ein Traum Wirklichkeit wurde und damit ein Konflikt begann, für den seit mehr als sechzig Jahren so verzweifelt wie vergeblich nach einer Lösung gesucht wird.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Yoram Kaniuk 1930 in Tel Aviv geboren wurde, lag die Gründung der Stadt nur zwei Jahrzehnte zurück. Der Staat Israel existierte noch nicht. Drei Einwanderungswellen hatten stattgefunden, seitdem 1882 die ersten Juden, vor allem aus Rumänien und Russland, ihre alte Heimat verlassen hatten und nach Palästina gekommen waren. In die Zeit der vierten Einwanderungswelle, die von 1924 bis 1931 dauerte, fiel Kaniuks Geburt.

          Auf welchem Fundament ist Isreal errichtet?

          Das Osmanische Reich war zusammengebrochen, seit 1920 stand Palästina unter britischem Mandat. Im selben Jahr wurde die Hagana gegründet, eine paramilitärische Untergrundorganisation, aus der später die regulären israelischen Streitkräfte hervorgingen. Die Hagana sollte die jüdischen Siedlungen vor Übergriffen schützen, wurde aber schon 1941 um eine Einsatztruppe namens Palmach ergänzt.

          Angehörige der Palmach kämpften im Zweiten Weltkrieg in der Jüdischen Brigade gemeinsam mit den Alliierten gegen die Deutschen, erfochten den Sieg im Unabhängigkeitskrieg von 1947/48 und stiegen danach wie Mosche Dayan und Jitzhak Rabin in höchste politische Ämter auf. Die Palmach ist ein wichtiger Bestandteil des israelischen Gründungsmythos. Deshalb ist „1948“ mehr als nur ein Roman, in dem die Kriegserinnerungen eines alten Mannes literarisch verarbeitet werden. Kaniuks Buch stellt die prekäre Frage, auf welchem historischen Fundament der Staat Israel heute steht, ohne sich der Illusion hinzugeben, eine eindeutige Antwort auf diese Frage wäre möglich.

          Kein Staat hat eine Erinnerung

          „Es war einmal oder auch nicht, so oder anders, keine Erinnerung hat einen Staat, kein Staat hat eine Erinnerung“, heißt es zu Beginn des Buches. Kaniuk verzichtet gleich im ersten Satz auf den vermeintlich größten Schatz des Zeitzeugen: den Anspruch auf Deutungshoheit, der sich aus der Überzeugung speist, es besser zu wissen als all die anderen, die nicht dabei gewesen sind. Kaniuk sichert sich ab und attackiert zugleich.

          Sein erster Satz ist defensiv und zugleich ein Angriff, der ins Zentrum zielt, wenn es heißt, kein Staat habe eine Erinnerung. Denn damit spricht Kaniuk der Institution Staat das Recht ab, eine gleichsam offizielle Version historischer Ereignisse und Abläufe zu prägen und zu verbreiten. Ein Staat, soll das heißen, darf keine Erinnerung haben. Warum nicht? Die Antwort gibt Kaniuk mit seiner Definition von Erinnerung: „Erinnerung ist das, was ich als Erinnerung aufzeichne.“

          Der große Zweifel

          Ein Jahr nach Kriegsende ist Kaniuk Matrose auf der „Van York“. Das Schiff wird eingesetzt, um Holocaustüberlebende ins Land zu bringen. An Bord schreibt er sein erstes Buch, es handelt vom Krieg. Schon damals, 1949, entstand kein Tatsachenbericht, sondern ein Roman, für den sich jedoch niemand interessierte. Das Manuskript ging verloren. Danach muss Kaniuk viele vergebliche Versuche unternommen haben, seine Kriegserfahrungen literarisch zu verarbeiten. Erst nachdem er im Jahr 2005 infolge einer schweren Infektion mehrere Woche lang im Koma gelegen hat, kann er seine traumatischen Erfahrungen in Worte fassen.

          Doch der Zweifel bleibt. Es ist der Zweifel eines alten Mannes, der seinem Gedächtnis nicht traut, weil es wie jedes Gedächtnis trügerisch ist und mehr als eine Wahrheit enthält. Nur eines scheint unzweifelhaft festzustehen: „Ich war ein Junge von siebzehneinhalb Jahren, ein braves Tel Aviver Kind mitten im Blutbad.“ Aber ist das wirklich die Wahrheit?

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