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Yasmina Rezas Roman „Babylon“ : Die Eskalationsschraube hakt

  • -Aktualisiert am

Setzt in ihrem neuen Roman mehr auf Bilder als auf Pointen: Die französische Autorin Yasmina Reza. Bild: Pascal Victor/ArtComArt

Das Grauen hinter schöner Fassade ist Yasmina Rezas Spezialgebiet. In ihrem Roman „Babylon“ lässt sie eine langweilige Frühlingsparty aus dem Ruder laufen

          Es ist nichts Reines in den menschlichen Beziehungen.“ Der Schlüsselsatz fällt kurz vor Schluss. Fallbeilartig. Er liest sich wie eine brutale Zusammenfassung dessen, was über zweihundert Seiten ausgeführt wurde. Wie ein apodiktischer Urteilsspruch, nachdem in einem langwierigen Verfahren mit großer Sorgfalt das Für und Wider erwogen, in die eine wie die andere Richtung argumentiert worden war. Auf der Anklagebank sitzt – wie immer bei dieser Autorin – das Personal des spätbürgerlichen Alltagslebens. Es fröstelt ein wenig, schiebt nervös einen Fuß über den anderen und tut ganz unschuldig. In Wahrheit aber hat es schwer etwas verbrochen, versteckt sich hinter der liebreizenden Fassade das pure Grauen.

          Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza hat sich auf die Enttarnung der bourgeoisen Lebenslüge spezialisiert: Vor allem in ihren Theaterstücken wird die Beschreibung der unvorhersehbaren Aggression, des jähen Ausbruchs zur Perfektion getrieben. Dieser Moment, wenn auf einmal alle Sicherungen durchbrennen, die letzten Grenzen durchbrochen werden. In ihrer feinsinnigen Gesellschaftsfarce „Kunst“ reicht die abfällige Bemerkung über ein modernes Gemälde aus, um das lebenslange Vertrauensverhältnis zwischen drei Freunden vollkommen auf den Kopf zu stellen, in dem – auch als Verfilmung erfolgreichen – Stück „Gott des Gemetzels“ ist eine Prügelei der Kinder Anlass dafür, dass ein Treffen der jeweiligen Erziehungsberechtigten außer Rand und Band gerät. Die emotionale Eskalationsschraube in wenigen Dialogsequenzen immer fester zu ziehen, darin ist Reza eine Meisterin. Die eigentliche Handlung ist meistens recht banal, aber was darin an Pointenpingpong geboten wird, ist fast immer mitreißend und aufwühlend.

          Ein paar Anekdoten auf Kosten der Gattin

          Auch in ihrem neuen Roman „Babylon“ weisen zunächst alle Vorzeichen in diese Richtung: Die zweiundsechzigjährige Patentingenieurin Elisabeth gibt zusammen mit ihrem Mann Pierre eine Frühlingsparty in ihrer Wohnung, zu der sie auch ihre Obernachbarn Jean-Lino und Lydie einlädt. Staudensellerie wird gereicht, Champagner-Etiketten werden gemustert – die Stimmung ist trotzdem schal: „Kein Wort konnte sich aufschwingen. Kein Dialog kam in Gang. Am Ende jedes Satzes lauerte die Stille.“ Dann fallen draußen plötzlich Schneeflocken vom Himmel, und drinnen steigt die Temperatur: Als Lydie sich erkundigt, ob das Geflügel im „pikanten Hühnchen-Cake“ aus biologischer Aufzucht stamme, wittert ihr Ehemann die Chance, sich auf Kosten der Partnerin in Szene zu setzen, sie zu necken und vorzuführen, um das gelangweilte Partypublikum zu amüsieren. Er erzählt ein paar Anekdoten über den Bio-Wahn seiner Frau, die allen Ernstes nur Hühner essen wolle, die auf Bäume fliegen konnten. Zur Untermalung ihrer Idiotie macht Jean-Lino ein paar alberne Gackergeräusche samt Flatterbewegungen und genießt die Lacher der Gäste, während das Gesicht seiner Frau langsam vereist. Keine große Sache, nur ein bisschen zu weit gegangen. Ein kleiner Fauxpas, nichts weiter.

          Aber bei Reza wird aus der Mücke (beziehungsweise dem Hühnchen) natürlich gleich wieder ein Elefant. Überraschend ist nur, dass die Eskalation dieses Mal nicht im spannungsreichen Modus der Konversation stattfindet, sondern recht unprätentiös direkt in eine brachiale Tat mündet: Jean-Lino erwürgt seine beleidigte Frau, nachdem sie dem kranken Hauskater aus Frust einen gewaltigen Fußtritt versetzt.

          Yasmina Reza. „Babylon“. Roman. Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser Verlag, München 2017. 219 S., geb., 22,– €.

          Der Rest der Handlung setzt sich aus verschiedenen Versatzstücken einer klassischen Kriminalgeschichte zusammen. Die Leiche soll nachts im Koffer aus dem Haus geschafft werden, eine potentiell belastende Zeugin tritt unerwartet auf, die Polizei kommt, ein Verhör findet statt. Erzählt wird das alles in einem unbestechlich präzisen Ton. Aber was fehlt, ist die Pointe. Dass ein Bio-Hühnchen zum Ehemord führt, ist ja nicht mehr als morbider Sarkasmus. Was dahinter an Gesellschaftskritik steckt, erschließt sich nicht recht. Denn was wird hier eigentlich kritisiert? Die elitäre Bio-Ideologie? Das langweilige Partyleben einer bürgerlichen Oberschicht? Oder am Ende gar die schläfrige Selbstzufriedenheit einer linksliberalen Meinungshoheit? „Sämtliche linken Überzeugungen kommen mir nach und nach abhanden“, gesteht an einer Stelle ein Partygast, worauf eine andere Besucherin triumphierend erwidert: „Mir kann das nicht passieren, ich habe nie welche besessen.“

          Wasser aus dem dehnbaren Qualitätsschlauch

          Überzeugend wird dieser Roman erst jenseits von Rahmenhandlung und Dialogszenen. In scheinbar nebensächlichen Exkursen, den vielen detailsicheren Beobachtungen à part. Wie sich Elisabeth im Verhör an ihre Kindheit erinnert, an die Jukebox im Café, das Michel-Polnareff-Konzert und den Vater, der ihren Freundinnen manchmal an den Hintern oder die Brüste fasste. „Ich habe mich oft für meinen Vater geschämt, habe es aber nie über mich gebracht, gegen ihn zu sein.“

          Auffallend sind auch die innigen Beschreibungen der Natur: „wie die Landschaft den Menschen beleuchtet“. Reza, die sonst immer nur auf das Innen, die Enge der Wohnung fixiert war, macht sich hier frei von den Fängen ihrer eigenen Rezeption. Schreibt immer wieder über die einsamen Straßenzüge, die „unvorbereiteten Räume“ aus Robert Franks Fotoband „The Americans“ und zitiert den italienischen Surrealisten Dino Buzzati mit einem staunenden Wort zur „Unveränderlichkeit der Berge“.

          Yasmina Reza, die den gesellschaftskomödiantischen Boulevard auf dem Theater wiederbelebt hat, ohne deren Einfluss jüngere Dramatiker wie Joël Pommerat oder Ayad Akhtar nicht denkbar wären, hat einen Roman geschrieben, der sich gegen ihr eigenes Erfolgsrezept zu wenden scheint. Immer nur an der Eskalationsschraube zu drehen ist ihr wohl zu fad geworden. Statt auf Pointe ist „Babylon“ auf Bilder geschrieben. Etwa dem der treuen Unternachbarin, die nach der Verurteilung ihres mordenden Obernachbarn Woche für Woche vom darüberliegenden Balkon aus mit einem „dehnbaren Qualitätsschlauch“ die Pflanzen auf der Terrasse der versiegelten Wohnung wässert. Um die Fiktion zu erhalten, dass das „selbstverständliche Leben“ doch irgendwie weitergehen könnte.

          „Man lebt unter dem Diktat der Konvention“, heißt es einmal. Das klingt ein bisschen nach Selbstanzeige. Indem sie sich eine Leiche in den Erzählkeller legt, beugt Reza sich diesem Diktat so sehr und ermüdend wie noch nie. Was sie dem gleichzeitig an Beschreibungsfacetten und Bilderfindungen entgegensetzt, ist für ihr Schreiben jedoch ebenfalls neu. Ein Buch also, in dem die Stärken mit den Schwächen konkurrieren. Eine Gleichgewichtsübung. Kein Nullsummenspiel.

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