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Yasmin Reza: Nirgendwo und Heureux les heureux : Glücklich sind die Glücklichen

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Dabei sind es gerade die Momente des Verstoßes gegen die ungeschriebenen Regeln des Miteinanders, in denen gleichermaßen der größte Witz liegt und die größte Freiheit. Großartig in diesem Sinn ist jene Szene in der Küche der Toscanos, in der Robert mit seinen besten Freunden Luc und Lionel Spaghetti isst. Die drei Männer sind unter sich, ohne ihre Frauen, sie fühlen sich wohl. Man trinkt und redet, und schließlich erzählt Lionel vom Drama um seinen Sohn Jacob, der angeblich bei einem Praktikum in London weilt, in Wahrheit aber in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde, weil er ernsthaft glaubt, Céline Dion zu sein. Luc, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt ist, kann kaum an sich halten. Er weiß, er darf seinen Freund Robert jetzt nicht anschauen, sonst bricht er in schallendes Gelächter aus. Aber dann sieht er ihn an - und die beiden lachen sich schlapp. Du weißt, sagt Robert, wir machen uns nicht über dich lustig. „Lionel war großartig, er lächelte liebenswürdig und sagte, ich weiß, ich weiß.“

In Szenen wie dieser zeigt sich die ganze Meisterschaft von Yasmina Reza. Mit kurzen, stilistisch einfachsten Sätzen schafft sie auf engstem Raum eine Atmosphäre, die von jenem heiklen Gleichgewicht geprägt ist, das die Möglichkeit des Tragischen ebenso in sich trägt wie die des Komischen. Verrat und Verbrüderung vollziehen sich auf nicht einmal zwei Buchseiten. Lionel verliert sein Gesicht ausgerechnet in der tröstenden Umarmung seiner Freunde. Und wie ihm geschieht es nahezu allen anderen in diesem Buch. In der Parade der Unseligen, die Reza vor uns aufmarschieren lässt, fällt jeder irgendwann aus der Rolle und findet sich in diesen Momenten höchster Not - allein.

Furchtbar normaler Alltag

Von diesem existentiellen Alleinsein hat Reza immer wieder erzählt. Auch in dem Buch, das zuletzt auf Deutsch von ihr erschienen ist, den halb autobiographischen, halb fiktiven Skizzen mit dem Titel „Nirgendwo“. Den weitaus größten Teil dieser Prosaminiaturen kennen Reza-Leser zwar schon aus einer vor Jahren veröffentlichten Übersetzung. Aber der kleinere Teil erscheint hierzulande nun zum ersten Mal. In ihm erzählt Yasmina Reza Anekdoten aus der Zeit, in der ihre Kinder klein waren. Sie erzählt von der Freundin Moïra, der sie viele ihrer Bücher gewidmet hat, und sie erinnert sich an ihre Eltern. Dieser Erinnerung folgt ein längerer Essay über die Suche nach einer eigenen Identität: Als Tochter einer aus Ungarn stammenden Mutter und eines Vaters, der jüdische, iranische und russische Wurzeln hatte, ließ sich die Frage nach der Herkunft für Reza nie leicht beantworten. „Welcher Unterschied besteht zwischen den Menschen, die einen eigenen Winkel haben, und denen, die keinen haben? Was nutzt ein Ort, eine Gegend, Wurzeln, weil man doch sowieso - ?“

Das Unsagbare, das sich in dem Gedankenstrich ausdrückt, meint den Tod, also die unaufhaltsam verstreichende Zeit. Sie ist der Anfangs- und der Endpunkt des Rezaschen Schreibens, die ihr zu verdankenden Abnutzungserscheinungen bilden dabei aber nicht nur die Grundlage der köstlichen Szenen des furchtbar normalen Alltags, an denen wir Leser uns immer wieder erfreuen. Sie sind auch der Kern der auf sie selbst bezogenen Reflexionen. Über „Eugénie Grandet“, den Roman Balzacs, der ihr „am nächsten war und ist“, schreibt sie: „Von Eugénie Grandet bleibt das unerreichbare Leben, und auch wenn ich lustig und fröhlich und ,das Leben selbst’ bin, spiele ich, wohin ich auch gehe, was auch immer mein Los ist, in der einsamen Ebene und beweine, was die Vergessenen beweinen.“ Yasmina Reza, eine Vergessene? Klingt wie Koketterie. Aber wenn es das nicht ist, und diese Möglichkeit muss man fairerweise in Betracht ziehen, dann wäre uns diese großartige Schriftstellerin am Ende vielleicht doch noch näher, als wir dachten.

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