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: Woyzeck in Roulettenburg

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Offenbar ist es möglich, der Biographie mit den Mitteln der Phantasie unter die Arme zu greifen und erzählbar zu machen, was in jedem auf blanke Tatsachen pochenden Bericht als Spekulation abgetan werden müßte. Es kommt nur darauf an, wer erzählt. Und auf welchem Niveau.Ein solcher Glücksfall ...

          Offenbar ist es möglich, der Biographie mit den Mitteln der Phantasie unter die Arme zu greifen und erzählbar zu machen, was in jedem auf blanke Tatsachen pochenden Bericht als Spekulation abgetan werden müßte. Es kommt nur darauf an, wer erzählt. Und auf welchem Niveau.

          Ein solcher Glücksfall ist "Ein Sommer in Baden-Baden", der Roman des russischen Pathologen Leonid Zypkin, der seinem literarischen Idol Fjodor M. Dostojewski ein Denkmal gesetzt hat. Es handelt es sich um die Neuübersetzung eines vor gut zwanzig Jahren bereits auf deutsch erschienenen, ohne Resonanz versunkenen Titels. Das dürfte sich jetzt ändern, denn die Sprache dieses Autors ist in Alfred Franks Übertragung von leuchtender Intensität. Zypkin hat einen Doppelroman geschrieben, dessen zwei Bestandteile wie ein Zopf miteinander verflochten sind. Die Lektüre des Buches gleicht einem Wachtraum, einer flüchtig erlebten, doch um so tiefer ins Bewußtsein sinkenden Vision.

          Im Hauptstrang des Romans beschreibt der Erzähler, Zypkin selbst, Episoden der Deutschlandreise Dostojewskis und seiner Frau im Jahr 1867. Er stützt sich dabei auf Anna Grigorjewnas "Tagebuch", das der Erzähler seinerseits auf einer Zugfahrt von Moskau nach Leningrad liest. Der Besuch des Ehepaars Dostojewski in Baden-Baden war eine verzweifelte Unternehmung, denn der Schriftsteller, der im Jahr zuvor "Verbrechen und Strafe" veröffentlicht hatte, gab völlig enthemmt seiner Spielsucht nach und verlor riesige Summen. Mehrfach versetzte er seine und Anna Grigorjewnas Kleidung, dann gewann er einmal, so daß er die Sachen wieder auslösen konnte, nur um erneut abzustürzen. Nervöser Überschwang wechselte mit Reizbarkeit und Zerknirschung ab; es war in letzteren Augenblicken, da er auf Knien zu seiner Frau zurückkroch, um Vergebung bat und von ihr die nächsten Münzen forderte, um seinem Schicksal eine Wendung zum Besseren zu geben. Sie kam nie.

          Wer die Atmosphäre der Dostojewski-Romane kennt, wird sie auch bei Zypkin antreffen, doch als Kammerstück. In diesem Buch wird Dostojewski selbst zur Dostojewski-Figur, eine Deutung, die von den Lebenszeugnissen gestützt wird, selbst wenn die Dialoge Erfindung sind. "Nichts ist erfunden. Alles ist erfunden", schreibt Susan Sontag in ihrem klugen Einleitungsessay zu Leben und Werk des Autors.

          Dieser überwältigende Wahrheitseindruck hat mehrere Quellen. Zypkin gibt sich als glühender Leser zu erkennen, der das Werk Dostojewskis bis in die entlegensten Winkel kennt, so daß er dessen Obsessionen empfindet wie den eigenen Puls. Bilder von der Zwangsarbeit in Sibirien, Fratzen des zaristischen Regimes, die wie im Albtraum aufscheinen, überhaupt Erinnerungen an Situationen der Machtlosigkeit bestimmen den Rhythmus des Romans. Gleich Woyzeck läuft Dostojewski wie ein offenes Rasiermesser herum, ein Verletzter, der nur im Verletzen anderer das Pendel zurückschwingen lassen und, statt an die eigene Nichtigkeit, an die eigene Überlegenheit glauben kann.

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