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Jonas Eikas „Nach der Sonne“ : Drogen, Aktien, Sonnencreme

  • -Aktualisiert am

Der dänische Literaturstar Jonas Eika Bild: Aphinya Jatuparisakul

In seinen Erzählungen findet der neue dänische Literaturstar Jonas Eika den Sound unserer verschwimmenden Gegenwart. Seine Texte verdichten politische und ökonomische Fragen.

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          Ein IT-Berater stellt fest, dass die Bank in Kopenhagen, die er berät, in einem Krater versunken ist. In der Ruine im Zentrum der dänischen Hauptstadt arbeiten die Mitarbeiter weiter, so als ob nichts gewesen wäre. Hunderte Kilometer entfernt, in London, findet ein drogenabhängiger Obdachloser ein heruntergekommenes Haus. Er richtet dort sein Nachtquartier ein und verliert es kurze Zeit später wieder.

          Auf der anderen Seite des Atlantiks, im amerikanischen Bundesstaat Nevada, zieht ein junges Paar in eine Kolonie von Esoterikern, die auf die Ankunft von Außerirdischen wartet. Ein Mann entdeckt einen Satellitensender, der auf nichtmenschliches Leben hindeutet. Und unter der Sonne Cancúns, in einem Resort am Ozean, bedienen junge, durchtrainierte „Beach Boys“ reiche Gäste und erfüllen ihnen die absurdesten Wünsche.

          Nomaden, auf der Suche nach einem besseren Leben

          Ist das Fiktion? Science-Fiction sogar? Oder vielleicht doch eine Zustandsbeschreibung unseres Planeten im Jahr 2020? In seinem neuen Buch „Nach der Sonne“ erzählt der junge dänische Autor Jonas Eika Geschichten von Menschen, die am Abgrund stehen, entwirft dabei ein verzerrtes, endzeitliches Schaubild unserer Arbeits- und Lebenswelt. In der einleitenden Kurzgeschichte „Alvin“, die also vom Leben eines jungen IT-Beraters berichtet und vom Untergrundhandel mit Derivaten, entwickelt sich nach der Explosion des Bankgebäudes eine unbestimmte homoerotische Liebesgeschichte zwischen dem namenlosen Berater und Alvin. Die beiden lernen sich in einem Café in Kopenhagen kennen, der Berater nimmt Alvin auf eine Dienstreise mit, in ein seelenloses Business-Hotel nach Bukarest. Der junge Mann irrt nach der Zerstörung der Bank verwirrt durch die Welt, findet keinen Halt mehr, hat seinen Kompass verloren. Alvin verführt ihn, geistig und körperlich. Alvin beschäftigt sich nämlich mit der Zukunft, Alvin scheint sein Leben im Griff zu haben.

          Der angeknackste IT-Berater ist die Eingangsfigur in diesen Erzählungsband, der über vier weitere Geschichten hinweg ins globalisierte Wirtschaftssystem hineinführt. Besonders eindringlich ist die längste der Geschichten, „Bad Mexican Dog“, hautnah beschreibt der fünfzehnjährige Ich-Erzähler die Körper der reichen Badegäste in einem Nobelresort von Cancún. Und wie sie von den jungen und fitten Teenagern am Strand eingecremt werden, danach werden Melonen serviert. Hier die dünnen Körper der „Beach Boys“, dort die Körper ihrer Kunden: „Ein Beach Boy darf nicht zu sehr den Eindruck vermitteln, er würde der Schwerkraft gehorchen, denke ich. Die Speckringe des Schweden flutschen mir durch die Finger.“

          Die Jungs scheinen sich ihrem Schicksal gefügt zu haben, und sie bieten über die kleinen Dienstleistungen hinaus auch andere Gefälligkeiten an, um ihr geringes Gehalt aufzubessern. Jede Nacht, nach dem Ende ihrer langen Schicht, versammeln sie sich am Strand und schwimmen gemeinsam, verwandeln sich dabei in Kaulquappen, gleiten ineinander und verschmelzen. Dann erschlägt ein wütender Badegast einen von ihnen, und die Jungs verändern ihr Ritual. Sie beobachten die untergehende Sonne, reiten auf den Sonnenschirmen, springen am Strand umher, und am Ende haben sie Analsex.

          Die Figuren der fünf Kurzgeschichten sind Nomaden, alle auf der Suche nach einem besseren Leben. Doch mit ihren Begierden und Sehnsüchten bleiben sie allein, auf sich gestellt, und sie betäuben sich mit Ersatzmitteln: Aktiengeschäfte, Drogen, Esoterik oder Sex. Sie sind marginalisierte, ausgestoßen wie die drogenabhängigen Obdachlosen in der Geschichte „Ich, Rory und Aurora“, die es nicht schaffen, ihrer Obdachlosigkeit zu entkommen. In einer heruntergekommenen Wohnung, direkt an einer Bahnstrecke, vegetieren sie dahin. Im Rausch verschwimmen Realität und Traum.

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