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Roman über Amerikas Gereiztheit : Das vergiftete Erbe der Debattierclubs

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Ist nicht jedes Streitgespräch eine Farce, die den Wirklichkeitsbezug nur aus taktischen Gründen herstellt? Puppenversionen von Hillary Clinton und Donald Trump im Wahlkampf 2016 Bild: Carlo Allegri

Woher kommt die große amerikanische Gereiztheit, die heute überall spürbar ist? In seinem Roman „Die Topeka Schule“ verfolgt Ben Lerner ihr Stimmengewirr zurück bis in die neunziger Jahre.

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          Der anschwellende Sphärenklang beim Hochfahren von Windows 95, Lauryn Hills Rapgesang auf dem Fugees-Album „The Score“, die erratischen Klick-, Rausch- und Piepgeräusche eines Einwahlmodems: Immer wieder ist man bei der Lektüre des neuen Romans von Ben Lerner verleitet, sich im digitalen Archiv der Gegenwart die Klangwelt der neunziger Jahre noch einmal zu vergegenwärtigen. „Die Topeka Schule“ ist nicht zuletzt dies: eine literarische Wayback Machine, die nicht wenigen Lesern vor Augen führen dürfte, dass ihre Jugend endgültig vorbei ist, ja einer anderen Epoche angehört. Und weil dies ohne jede abmildernde Weißt-du-noch-Sentimentalität geschieht, hallt die Lektüre im Leser weit länger nach als die Echoeffekte in so manchem Fugees-Song: „Ready or not, here I come, you can’t hide.“

          Ben Lerner, 1979 geboren, ist neben Joshua Cohen und Maggie Nelson einer der ambitioniertesten jüngeren Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur, und dementsprechend will sein Roman viel mehr sein als das selbsthistorisierende Porträt einer vergangenen Dekade. Sein bereits von Barack Obama empfohlenes Buch ist der Versuch, die politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen des heutigen Amerikas als Ergebnis einer Entwicklung zu erklären, die in den neunziger Jahren begann. Dazu setzt er vordringlich bei der Sprache an, während die Handlung, die er achronologisch in Szenen, Erinnerungen und Gesprächen entfaltet, weitgehend in den Hintergrund tritt.

          „Dein Pluspunkt ist Kansas“

          Der wesentliche Handlungsort ist das titelgebende Topeka, die Hauptstadt des Bundesstaats Kansas und außerdem Lerners Geburtsort (der Roman teilt nicht wenige Details mit dem Leben des Autors). Sehr viel reicher als an Orten ist das Buch allerdings an sprachlichen Registern, die sich zu einer dissonanten Vielstimmigkeit verbinden: Die geschulte Sprache der Psychoanalyse trifft auf die zynische Rhetorik der Politik, der chauvinistische Slang orientierungsloser junger Männer begegnet dem militanten Furor religiöser Fundamentalisten, und zu alldem „spuckt“ Eminem seine wütenden Rap-Tiraden über die Kanäle.

          Die meisten Stimmen gehören zu den Figuren des Romans, die zum Teil auch seine Erzähler sind: einmal Adam, der jugendliche Protagonist, der kurz vor seinem Highschool-Abschluss steht; dann seine Eltern, Jane und Jonathan, die gemeinsam in einer Art psychiatrischer Kommune mit Siebziger-Flair tätig sind; und schließlich Darren, ein Patient Jonathans und gleichaltriger Freund Adams, dessen unterprivilegiertes Leben sich hauptsächlich zwischen Armyshop und Burgerladen abspielt.

          Adam erscheint in diesem Tableau als ein Kollektivwesen, das sich zeitweise am „Rand des Zusammenbruchs“ befindet. Die unterschiedlichsten Stimmen schießen wirr in ihm zusammen: Spuren des elterlichen Psychotalks, Elemente von College-Lektüren, Fragmente eines adoleszenten Jargons der Härte – und so fort. Aber auch im Ganzen ist die vorherrschende Stimmung in der „Topeka Schule“ eine große Gereiztheit, die an die letzten Kapitel des „Zauberbergs“ denken lässt. Eine Ursache hat sie im Brüchigwerden der alten „Marlboro-Mann-Kultur“, das auf Seiten der Männer wütende, dumpfe Akte der Regressivität nach sich zieht.

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