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: Wortwaffen, großkalibrig

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Am Anfang war der Markenname: Puntigamer. Erst später, sagt der österreichische Autor, Linguist und Werbetexter Wolf Haas, habe er realisiert, daß er auf diese Weise seinem Detektiv, dem Brenner, eine Heimat in der Grazer Vorstadt beschert hatte. Und genau dorthin, zwischen Puntigamer Brauerei, Landesnervenklinik ...

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          Am Anfang war der Markenname: Puntigamer. Erst später, sagt der österreichische Autor, Linguist und Werbetexter Wolf Haas, habe er realisiert, daß er auf diese Weise seinem Detektiv, dem Brenner, eine Heimat in der Grazer Vorstadt beschert hatte. Und genau dorthin, zwischen Puntigamer Brauerei, Landesnervenklinik Sigmund Freud und Arnold-Schwarzenegger-Stadion, läßt er den Grantler und Schweiger in seinem voraussichtlich letzten Brenner-Krimi zurückkehren - sechs Romane haben ihm gereicht, sein kriminologisches Glaubensbekenntnis auszuschreiben, von der "Auferstehung der Toten" (1996) bis zu seinem neuen Buch "Das ewige Leben". Amen.

          Zunächst sieht es freilich gar nicht nach einem Ende aus, sondern eher nach einem Neubeginn: "Daß es so was gibt! Ist der Hoffnungslose wieder aufgewacht", und zwar auf der Intensivstation der Freud-Klinik. "Lustig samma, Puntigamer!" sind seine ersten Worte, aber da es sich bei diesem Hoffnungslosen um niemanden anders als den Brenner handelt, der nach einem Kopfschuß allmählich - wenn auch mit Teilamnesie - wieder zu sich kommt, ist klar, worum es in diesem letzten Buch gehen wird: um Erinnerung, mit anderen Worten: um Gespenster. "Heute glauben ja die Leute, es gibt keine Gespenster, aber das stimmt nicht, es gibt Gespenster", erklärt uns der Erzähler, der es wissen muß. Nacheinander stellen sie sich denn auch ein, allen voran Brenners Idol Jimi Hendrix (als Zigeuner aus der Klinik-Putzkolonne), dann seine ehemaligen Kumpane von der Polizeischule, die alte Walther vom Dachboden ("quasi Waffe der Kindheit"), alte Sünden, alte Fotos, alte Eric-Burdon-Platten . . . Das kann natürlich nicht gutgehen, zumal die Signatur des Amnetikers, das perfekte X, nicht bloß für "The Jimi Hendrix Experience" steht, sondern auch für die dubiose Bürgerwehr IGS (Initiative Grazer Sicherheit) - vom ebenfalls wiederauferstandenen christlichen Schmerzensmann, dessen Stigmata die Pistolen- und Messerwunden des Helden präfigurieren, ganz zu schweigen.

          Zu allem Überfluß mischen sich dann auch noch die professionellen Erinnerer ein: Ein Klinikpsychiater mit Verbrechervisage will den Brenner davon überzeugen, daß seine Verletzung von einem Selbstmordversuch herrührt, und eine handlesende Zigeunerin macht neben verdächtig präzisen Angaben zu Brenners Vergangenheit auch verstörend genaue Voraussagen über seine Zukunft: "Brena abgraz ibermorgen halb finf Uhr frih."

          Was ist da zu tun? "Nichts. Das ist die wichtigste Lehre, die uns das Leben gibt. Ohne Pistole, ohne Messer kannst du die meisten Situationen nicht zu deinen Gunsten verändern. Und da verfallen ja viele in der Verzweiflung auf die Idee, daß sie es in so einer Situation mit Worten versuchen. Das ist der größte Fehler, den du machen kannst." Eine typische Passage: Während der Brenner schweigend mit Pistole und Messer operiert, erklärt uns der Erzähler wortreich die elementaren Regeln des Lebens und des Genres. Eine Arbeitsteilung, die sich bewährt hat: Über der musterhaften Kriminalhandlung mit Hard-boiled-Qualitäten entfalten die Erzählerkommentare auch diesmal wieder jenes dichte Gespinst von Sprachspielen und (pop)kulturellen Verweisen, das der Haas-Leser so liebt. Neben der Erstlektüre als spannender Whodunnit belohnt eine solche Prosa auch eine zweite, akribische Lektüre.

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