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: Worte unter Trümmern

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"Es muss etwas geschehen Ich kann nicht länger warten Ruf bitte an P", stand in dem Telegramm, das der Schriftsteller Paul Celan am 2. Dezember 1960 um halb drei Uhr nachts von Paris aus an Ingeborg Bachmann nach Zürich abschickte. Paul Celan wusste nicht mehr weiter. Er hatte den Eindruck, dass man ihn vernichten wollte, traute kaum noch jemanden.

          "Es muss etwas geschehen Ich kann nicht länger warten Ruf bitte an P", stand in dem Telegramm, das der Schriftsteller Paul Celan am 2. Dezember 1960 um halb drei Uhr nachts von Paris aus an Ingeborg Bachmann nach Zürich abschickte. Paul Celan wusste nicht mehr weiter. Er hatte den Eindruck, dass man ihn vernichten wollte, traute kaum noch jemanden. In jedem Brief, den er erhielt, in jedem Zeitungsartikel, den er über sich las, vermutete er eine Anfeindung oder Verleumdung. Ingeborg Bachmann, die Freundin, mit der ihn über so viele Jahre eine leidenschaftliche und immer auch verzweifelte Beziehung verbunden hatte, eine Liebe, die zur Freundschaft geworden war, gehörte zu den wenigen Menschen, an die er sich überhaupt noch wenden konnte und wollte. Es war ein Hilferuf. Warum rief sie also nicht sofort zurück?

          "Meine liebe Ingeborg", schrieb am selben Tag Pauls Ehefrau, die Malerin und Grafikerin Gisèle Celan-Lestrange, an Bachmann und bat sie, bitte für sich zu behalten, was sie ihr über Celans Zustand mitteilte. "Paul ist verzweifelt. Paul ist erschöpft, Paul geht es nicht gut. Er hat keinerlei Mut mehr. Rufen Sie ihn bitte an. Wenn Sie wüssten, wie allein Paul ist, wie unglücklich und vollkommen zerstört durch das, was ihm zustößt. Ich flehe Sie an, tun Sie alles, was Sie können, damit so schnell wie möglich etwas Positives zustande kommt. Lassen Sie ihn nicht ohne Nachricht."

          Bachmann versuchte zurückzurufen, aber es gelang ihr nicht. Celan hatte sich eine Geheimnummer geben lassen, um sich vor unerwünschten Anrufen zu schützen, und er hatte, in seinem Panzerungsreflex, vergessen, ihr diese Nummer zu geben. Er solle ihr die Nummer telegrafieren oder selber anrufen, telegrafierte sie ihm am 3. Dezember. Vielleicht telefonierten sie am nächsten Morgen. Wir wissen es nicht. Denn wenn nun die lange Zeit gesperrte Korrespondenz aus dem Nachlass der beiden Schriftsteller erscheint, Briefe, über die man bisher nur spekuliert hat, weil sie, im Archiv verwahrt, niemandem zugänglich waren, dann haben wir doch nur Bruchstücke. Zwischen den Briefen, Telegrammen und Postkarten lagen immer wieder Anrufe, die als flüchtig verhallte Telefonstimmen jetzt Lücken in das Geschriebene reißen und einen vor der falschen Annahme bewahren, man wisse nun, wie es gewesen sei zwischen den beiden.

          Paralleluniversum

          Ingeborg Bachmann und Paul Celan hatten die Wahl, ob sie zum Hörer oder zum Stift greifen sollten, wenn sie sich einander zuwenden wollten. Und weil jedes Medium seine eigene Sprache hat, man wie in Paralleluniversen kleine Rituale oder Eigentümlichkeiten der Rede entwickelt, kann man nur vermuten, dass sich ihre Gespräche oft anders anhörten als der Klang der geschriebenen Worte. Manchmal entschuldigen sie sich in den Briefen für Dahingesagtes am Telefon. Schreibend suchen beide nach der Wahrheit, manchmal in vielen nicht abgeschickten Entwürfen. Es gibt für sie nichts Existentielleres als das Schreiben, und das ist es, was dieses Briefbuch zu einem bedeutenden Dokument macht, ein Buch, das man natürlich erst einmal voyeuristisch aufschlägt, gerade weil man weiß, dass es um eine Liebesgeschichte geht.

          Was die Briefe dann aber so dramatisch macht, sind nicht die sich gegenseitig anvertrauten Liebesgeheimnisse. Der Briefwechsel ist kein Enthüllungsbuch. Er ist das historische Dokument eines verzweifelten Ringens nach "Worten unter den Trümmern", nach einer, "trotz aller Verluste, unverlorenen Sprache", wie Bachmann und Celan das in ihrer Dichtung nannten. Denn die, die sich im Mai 1948 in Wien kennenlernten, hätten, was ihre Herkunft anging, unterschiedlicher nicht sein können: die Philosophie studierende Tochter eines ehemaligen österreichischen Mitglieds der NSDAP und ein staatenloser Jude aus Czernowitz, der beide Eltern im Konzentrationslager verloren und selbst ein rumänisches Arbeitslager überlebt hatte. Die Differenz war da, die Briefe werden zum unablässigen Versuch, sie zu überbrücken, mit zahllosen Missverständnissen. Es sind zwei hypersensible Menschen, die hier Briefe schreiben; zwei einander zugewandte Seelen in ständiger Abwehrbereitschaft und mit einem enorm hohen Wahrheitsanspruch. Wie in Wellenbewegungen kommen sie dabei manchmal zueinander.

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