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Woody Guthrie: Haus aus Erde : Friede den Lehmhütten, Krieg den Holzbaronen

Bild: Eichborn

Ein wiederentdeckter Roman des Folksängers Woody Guthrie lässt arme Bauern von Erdhäusern träumen und macht John Steinbeck Konkurrenz. Das begeistert sogar Johnny Depp, der das Vorwort geschrieben hat.

          Es war das Jahrzehnt der schwarzen Tage - erst an der Börse, dann auch am Himmel: Zunächst legte die Große Depression von 1929 an Amerikas Wirtschaft lahm, dann kam die große Dürre, und der durch unverantwortlichen Ackerbau erodierte Boden der Ebenen flog buchstäblich in die Luft. Ein riesiger Teil des Landes von Dakota bis hinunter nach Texas wurde von Staubstürmen heimgesucht, die der Gegend den etwas niedlichen Namen „Dust Bowl“ einbrachten, dabei aber für einen regelrechten Exodus sorgten: Am Ende der dreißiger Jahre waren 1,25 Millionen Menschen auf der Flucht. Die Okies, Arkies, Texies und noch viele andere trieben hungrig über die Highways Richtung Kalifornien, sofern sie Wagen hatten, oft genug wanderten sie auch daran entlang.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Als literarischer Chronist dieser doppelten Katastrophe gilt gemeinhin John Steinbeck mit seinen Romanen „Von Mäusen und Menschen“ und „Früchte des Zorns“ - Bücher, die von Millionen gelesen und diskutiert wurden. Auch in der Musik fand die Krise ihren Ausdruck: Das Album „Dust Bowl Ballads“ machte 1940 den herumreisenden Schildermaler Woody Guthrie schlagartig berühmt und begründete eine ganze Tradition der Folkmusik und ein Genre der Vagabundenlyrik, die bis heute stark nachwirken.

          Detailfreudige Beschreibungen

          Wie sich nun jedoch herausstellt, war Woody Guthrie noch vielseitiger begabt, als bisher bekannt war. So hat er in seiner künstlerischen Frühzeit selbst einen Roman über die Dust-Bowl-Ära geschrieben, der lange vergessen in der Schublade lag und jetzt erstmals veröffentlicht wird: „Haus aus Erde“ heißt das Buch, welches die Misere exemplarisch am Schicksal zweier Menschen zeigt: also nicht das große Gesellschaftspanorama, sondern nur Tike Hamlin und seine Frau Ella May, die sich als Landpächter in einem Kaff namens Pampa im nördlichen Texas durchschlagen und die - das ist der Unterschied zu Steinbeck - nicht auswandern, sondern allen Widrigkeiten und den gierigen Grundbesitzern zum Trotz dort bleiben wollen.

          Es ist ein in vieler Hinsicht bemerkenswertes Buch: Formal ist es sehr szenisch gehalten und schaut den Leuten aus dem texanischen Hinterland genauestens aufs Maul, dann aber hat es auch erzählerische Passagen, die bei Naturschilderungen mit langen Ketten aus Ortsbezeichnungen, Tier- und Pflanzennamen in einen bisweilen fast expressionistischen Sprachrausch geraten. In dieser Detailfreude begibt sich der Erzähler dann auch an die Schilderung eines mehr als dreißig Seiten währenden Liebesakts zu Tike und Ella ins Heu, bei dem eine geradezu vitalistisch-allbeseelte Einheit zwischen den Menschen und ihrem Fleckchen Erde beschworen wird, während diese sich in einer ulkigen Babysprache necken - eine phantasievolle Feier des literarischen Motivs, dass manche armen Menschen nichts anderes haben als die fleischliche Liebe. Die Sexualität wird aber nicht um ihrer selbst willen gezeigt, sondern damit der Leser der Zeugung eines neuen Lebens beiwohnt, das unter unwirtlichsten Bedingungen beginnen wird - was dem Buch dann auch seine existentielle Spannung als Sozialdrama der Depressionszeit verleiht, das kurz vor der Niederkunft Ella Mays mit einem Blick ins Ungewisse endet.

          Die Lösung liegt im Lehm

          Am kuriosesten aber wird dieses Buch durch seine pamphlethafte Aussage, die man in Anlehnung an Georg Büchners „Hessischen Landboten“ zu dem Slogan „Friede den Lehmhütten!“ umdichten könnte - denn wie der Titel ja sagt, geht es um ein Haus aus Erde, das im Gegensatz zu den zugigen, nicht wetterfesten Holzhäusern die Rettung aus dem Staubsturm-Elend bedeuten könnte. Diese Idee geht auf einen Wunschtraum des Autors Woody Guthrie zurück, der im Jahr 1936 bei einem Besuch eines Pueblos der Nambe-Indianer in New Mexico entstand und durch Bekanntschaft mit einer Broschüre des Landwirtschaftsministeriums über „Die Verwendung von Adobe beim Hausbau“ vertieft wurde.

          Guthrie sah darin die Lösung aller Probleme der armen Landbevölkerung, weil man außer Lehm, Stroh und der richtigen Technik nichts weiter dazu benötigte. Diesen Traum pflanzte er auch seiner Figur Tike Hamlin ins Innerste und schuf damit wohl eines der seltsamsten Beispiele engagierter Literatur - in dem „das Holz eine Metapher für kapitalistische Plünderer ist, während Adobe, ungebrannte Lehmziegel, ein sozialistisches Utopia repräsentieren“, und das ein literarisches Pendant zu Guthries alternativer Nationalhymne „This Land is Your Land“ bilde: So schreiben Douglas Brinkley und Johnny Depp in ihrem langen und sehr instruktiven Vorwort. Johnny Depp? Ja, richtig gelesen, denn der Schauspieler ist zusammen mit dem Historiker und Biographen auf das Manuskript gestoßen, während sie an einem gemeinsamen Essay über Bob Dylan arbeiteten.

          Warum Guthries Roman damals letztlich nicht erschien, darüber kann man mit den Herausgebern nur spekulieren - die erst späte Fertigstellung 1947, der sexuell explizite Inhalt sowie die Nähe zu Steinbeck könnten dagegen gesprochen haben, vor allem aber plante Guthrie, das Werk von Irving Lerner verfilmen zu lassen, wozu es jedoch nie kam. In Lerners Nachlass aber wurde glücklicherweise das Typoskript gefunden und endlich veröffentlicht. Die Herausforderung, die zahlreiche Kolloquialismen und typischer Guthrie-Humor für eine Übersetzung stellten, hat Hans-Christian Oeser sehr trefflich gemeistert. So ist das Buch bei weitem nicht nur für Guthrie-Aficionados, sondern tatsächlich ein historisch wie literarisch brisantes Werk.

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