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Wolfram Groddeck: Hölderlins Elegie ,Brod und Wein‘ oder ,Die Nacht‘ : In der Mitte ist Irrtum und Wahrheit zugleich

Bild: Verlag

Dreieinhalb Jahrzehnte lang hat Wolfram Groddeck Hölderlins Werk nun erforscht und ediert. Jetzt deutet er die Elegie „Brod und Wein“ in großem Stil.

          3 Min.

          Als Rebell hat er begonnen, längst ist er Repräsentant. Der in Gießen geborene und in Basel Germanistik studierende Wolfram Groddeck war Mitte zwanzig, als er - durchaus nicht der einzige Enthusiast seiner Generation - in den Bann eines unerhörten Ereignisses geriet: Am 6. August 1975 stellten der linke Frankfurter Kleinverleger KD Wolff und der Kasseler Werbegraphiker D.E. Sattler bei einer absichtsvoll pompös inszenierten und dem Skandal nicht abholden Pressekonferenz im Frankfurter Hof das Projekt einer neuen historisch-kritischen Ausgabe von Friedrich Hölderlins sämtlichen Schriften vor.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Ankündigung war eine Kampfansage an das Monument der modernen Editionsphilologie schlechthin - an Friedrich Beißners 1943 begonnene und 1975 nahezu vollendete „Große Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe“. Die Reaktionen waren entsprechend: Die etablierte Germanistenzunft beschwor das Schreckbild eines „rot gefärbten Hölderlin“ und witterte allenthalben Scharlatanerie. Wolfram Groddeck aber witterte die Morgenluft des Gelingens, also stellte er sich den beiden alternativen Matadoren zur Verfügung. Und siehe da, sie hatten Verwendung für ihn. Als erstes Stück der „Frankfurter Hölderlin-Ausgabe“ erschien zum Herbst 1976 der Band „Elegien und Epigramme“ - als dessen Mitherausgeber firmierte unter Sattlers Ägide der Student Groddeck.

          Zahlreiche Revisionen in den Zwischenräumen

          Der Dank an Sattler - „durch ihn habe ich das Lesen in Handschriften gelernt“ - steht nun, gut dreieinhalb Jahrzehnte danach, am Ende einer großen Monographie, die Groddeck, inzwischen längst Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Zürich, dem bedeutendsten elegischen Gedicht des größten elegischen Dichters unserer Sprache widmet: „Brod und Wein“ - entstanden, ins Reine geschrieben und überarbeitet in den allerersten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. Zu Hölderlins Lebzeiten wurde von den neun, ihrerseits acht Mal aus neun und einmal aus acht Distichen bestehenden Strophen lediglich die erste gedruckt: 1807 im „Musenalmanach“ des Leo von Seckendorf. Die Strophe trug den Titel „Die Nacht“ und wurde von den Romantikern sogleich gerühmt, verehrt, geliebt: „Niemals“, schrieb Clemens Brentano, „ist vielleicht hohe betrachtende Trauer so herrlich ausgesprochen worden.“

          In des Dichters Handschrift gibt es neben, genauer: nach zwei ersten Entwürfen unter dem Titel „Der Weingott“ von der nun „Brod und Wein“ genannten Elegie eine vollständige Reinschrift im sogenannten „Homburger Folioheft“, das Hölderlin wohl 1802 anlegte und das sein lyrisches Spätwerk bis zur Einweisung in die Authenriethsche Klink vier Jahre danach enthält - bis zu seinem Tod am 7. Juni 1843 wird er die zweite Hälfte seines Lebens dann in der Obhut der Schreinerfamilie Zimmer im Tübinger Turm verbringen. Vor 1806 aber hat er sich die Reinschrift von „Brod und Wein“ noch einmal vorgenommen und dabei, ohne das Vorhandene auch nur im Geringsten anzutasten, in den Zwischenräumen vieler Verszeilen zahlreiche Revisionen des Textes vorgenommen. Naturgemäß ist eine solche Überlieferung nur sehr schwer zu entwirren, zumal es an einigen Stellen, so Groddeck, „fast zu einer Schwärzung der Handschrift kommt“.

          Das „Jetzt der Lektüre“ zählt

          So hat es letztlich bis 1951 gedauert, ehe Friedrich Beißner die Entzifferung gelang. Allerdings verbannte er sämtliche Revisionen Hölderlins in den Anmerkungsapparat seiner Ausgabe, hielt also daran fest, dass die Reinschrift des Folioheftes das eigentliche, das wahre Gedicht sei. Erst Sattler und Groddeck haben dann die Überschreibungen des Dichters gleichrangig behandelt und deshalb aus Reinschrift und Revison einen möglichen Text konstituiert. Am Ende seiner Monographie gibt Groddeck nun als Ergebnis der nie erlahmten Arbeit an der Handschrift einen „hypothetischen Text“ wieder, der vielfach von der Ausgabe von 1976 abweicht, sie aber substantiell nicht in Frage stellt.

          Das Faszinierende an seiner Interpretation ist, dass er Vers für Vers und Strophe für Strophe voranschreitet, dabei zunächst mit enormer Geduld und großer Kenntnis aber stets die Reinschrift - die er mit Gründen eine „Arbeitsabschrift“ nennt - ausdeutet, um sich erst danach den Revisionen zuzuwenden. Dieses Verfahren erleichtert es dem Leser ungemein, Groddecks anspruchsvoller Exegese zu folgen. Sehr spannend ist zudem, dass er ausschließlich werkimmanent und intertextuell argumentiert, kein einziges Mal also biographische, politische oder sozialgeschichtliche Bezüge herstellt - es ist „das Jetzt der Lektüre“, das zählt.

          Was ist Sinn und Ziel der späteren Revision?

          Hölderlins Elegie ist für Groddeck „eine imaginäre Zeitreise“, ein Aufbruch aus so idyllischer wie deutscher „Feierabendruhe“ in „die ideale Anschauung des antiken Griechenland“ und in das „Bewusstwerden der Götter“. Im Schlussteil geht es um ganz gegenwärtige Verlusterfahrung und deshalb um „die Krise der poetischen Existenz“ - „wozu Dichter in dürftiger Zeit?“ heißt es in der siebten Strophe. In der Verbindung von antikem Mysterium (Dionysos und Demeter) und christlicher Eucharistie werden „Brod“ und „Wein“ schließlich zum „Zeichen“ einer Wiederkehr der „Himmlischen“. Das Gedicht endet so, wie es beginnt: „in der Ruhe der Nacht“.

          Was aber ist Sinn und Ziel der späteren Revision? Genau in der Mitte der Elegie steht in der Reinschrift das Wort „Wahrheit“, statt ihrer benennt der revidierende Dichter nun, so Groddeck, „die Möglichkeit des Irrtums“. Aufs Ganze erweitert, steht „die ganze späte Umarbeitung“ mithin „unter dem Diktat einer sich selbst kritisierenden Sprache“, die Elegie „fällt sich gewissermaßen selbst ins Wort“. Ja, Hölderlin fällt sich ins Wort, aber er lässt alle Worte gelten. „Wo, wo leuchten sie denn, die fernhintreffenden Sprüche?“ fragt die vierte Strophe. Die Antwort kann nur lauten: Überall in jenem herrlichem Gedicht, in dem sich Reflexion und Selbstreflexion, Sinnenwelt, mythischer Blick und unabgegoltene Hoffnung so wundersam vereinen.

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