https://www.faz.net/-gr3-79iyp

Wolfgang Jacobsen & Heike Klapdor (Hgg.): In der Ferne das Glück : Die Leiden unheilbarer Europäer in Hollywood

  • -Aktualisiert am

Bild: Aufbau Verlag

Flucht zum Film: Wie Vicki Baum, Heinrich Mann und andere sich im Exil als Drehbuchschreiber versucht haben, wird hier gezeigt. Dennoch ist der Band hauptsächlich filmgeschichtlich interessant.

          Im Jahre 1988 hat die Deutsche Kinemathek den Firmennachlass einer Agentur erworben, die der gebürtige Böhme Paul Kohner genau fünfzig Jahre zuvor in Hollywood gegründet hatte: Zigtausende von Briefen, fast fünftausend Klientenakten und knapp tausend Skripts, von der kurzen Ideenskizze bis zum ausgeführten Drehbuch. Fünfundzwanzig dieser „Geschichten für Hollywood“ sind unter dem Titel „In der Ferne das Glück“ jetzt erstmals veröffentlicht worden. Zweierlei haben alle gemeinsam: Verfasst wurden sie von deutschsprachigen Autoren, und verfilmt wurde von der amerikanischen Filmindustrie keine.

          Bei Filmideen, die nicht realisiert wurden, fragt man sich zunächst: Warum nicht? Die beiden einfachsten Erklärungen: Sie waren a) zu gut für Hollywood oder b) zu schlecht. In fast allen hier vorgelegten Fällen trifft Antwort b) zu. Man muss kein Produzent sein, der den nötigen Aufwand kalkuliert und gegen die Gewinnerwartungen aufrechnet, um zu diesem Schluss zu kommen. Was zur nächsten Frage führt: Woran liegt das? So einfach ist diese Antwort nicht.

          Von Klaus Mann bis Ralph Benatzky

          Immerhin war Hollywood eine von Europäern geprägte Erfindung, das erste Studio vor Ort gehörte dem gebürtigen Schwaben Carl Laemmle. Zudem wurden im fraglichen Zeitraum von europäischen Immigranten einige Filmklassiker gedreht: Lubitschs „To Be Or Not To Be“, Chaplins „Great Dictator“, Wilders „Lost Weekend“ und „Sunset Boulevard“, um nur vier zu nennen. Liegt es allein daran, dass die Genannten sich bewusst für Hollywood entschieden hatten, während die hier von den Herausgebern Wolfgang Jacobsen und Heike Klapdor versammelten Autoren unfreiwillig dort gestrandet waren?

          Einen Vergleich hält natürlich keiner ihrer Vorschläge aus. Dass allerdings keiner von ihnen in der Lage gewesen sein sollte, eine brauchbare Filmidee zu entwickeln, ist bei einer Bandbreite von Klaus Mann bis Ralph Benatzky dennoch unwahrscheinlich; vertreten sind unter anderen theater- und filmerfahrene Regisseure wie Fritz Kortner und Reinhard Schünzel, Bestseller-Autoren wie Vicki Baum und Felix Salten, Erstere hat die Romanvorlage zu einem Welterfolg wie „Menschen im Hotel“ geliefert, Letzterer das Original für Disneys „Bambi“. Sogar Luis Trenker, der selbst Filme machte, deren Heroismus in Nazi-Deutschland nicht ungern gesehen wurde, ist unter den Beiträgern.

          Lustlos, hilflos, ahnungslos

          Was Trenkers pompöse Gemeinschaftsarbeit mit dem Mussolini-Anhänger Massimo Bontempelli im Zusammenhang mit deutschen Autoren im Exil zu suchen hat, bleibt im Übrigen unerklärt. Denn nur darum geht es, laut Vorwort: um die Bemühungen von Autoren, „die Deutschland auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus verlassen haben“, in Hollywood Fuß zu fassen, um ihre zunächst auf ein Jahr befristeten „Arbeitsverträge als Titulardrehbuchautoren“, die ihnen, von Kohner beschafft, die Einreise in die Vereinigten Staaten erst ermöglichten, zu rechtfertigen und wenn möglich zu verlängern.

          Naheliegend, an dieser Stelle Bertolt Brecht zu bemühen, der die schwierige Situation in die einfachen Worte gefasst hat: „Jeden Morgen, mein Geld zu verdienen, / gehe ich auf den Markt, wo Lügen gekauft werden.“ Das ist zwar nicht ganz korrekt zitiert - Brecht war Realist genug, um im Großraum Los Angeles zum Markt lieber fahren als gehen zu wollen -, nichtsdestoweniger ist es schön gesagt und verräterisch zugleich. Denn diese Mischung aus eitler Hoffart und vornehmer Entsagung führt zu Ergebnissen wie den vorliegenden: Manche wirken lustlos, einige hilflos, fast alle ahnungslos; überzeugend formuliert ist streng genommen keines.

          Unerträglicher Kitsch

          Den allermeisten fehlt, was Filme unverwechselbar macht und potentielle Produzenten scharf: ein vielversprechender Ausgangspunkt, eine unerwartete Wendung, ein befriedigender Schluss. Vieles ist einfach der Versuch, einen Stoff mehrfach zu verwerten, übernommen aus vorhandenen Kurzgeschichten, Novellen, Romanen und Stücken, ja, sogar andere Filme dienen als Vorlage. So wirken diese Adaptionen auch: Als wären sie für andere Medien besser geeignet, für ein Stummfilmmelodram oder eine Operette, eine Boulevardkomödie oder eine Schulfunksendung.

          Weitere Themen

          „It Must Be Heaven“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „It Must Be Heaven“

          „It Must Be Heaven“ ist eine französisch-kanadische Komödie aus dem Jahr 2019 von Elia Suleiman. Der Film kämpft in Cannes um die Goldene Palme.

          „All my Loving“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „All my Loving“

          „All my Loving“ ist der neue Film von Edward Berger und zeigt drei Geschwister, die an einem Punkt angelangt sind, an dem sie schnell etwas verändern müssen, bevor die zweite Hälfte ihres Lebens beginnt.

          Kein roter Teppich ohne Bill Murray

          Auftakt in Cannes : Kein roter Teppich ohne Bill Murray

          Bei der Eröffnung in Cannes schlendern die Stars möglichst glamourös die Treppen zum Filmpalast hinauf. Auffällig in diesem Jahr ist der Auftritt von Bill Murray – aber nicht, weil er sich so extravagant gekleidet hätte.

          Topmeldungen

          Boris Johnson im Januar während einer Rede in Dublin

          Sorgen in der Wirtschaft : Zittern vor Boris Johnson

          Der Hardliner ist in Großbritannien der Favorit für die Nachfolge von Theresa May. Das lässt Unternehmen bangen: Er strebt einen No-Deal-Brexit an – ohne Rücksicht auf Verluste.
          „Seit über 25 Jahren packen wir einmal im Jahr das gesamte Spielzeug für acht Wochen in den Keller“, berichtet Kita-Leiterin Elfriede Reissmüller, „und die Kinder werden aufgefordert, ihre Phantasie und Kreativität verstärkt einzusetzen.“

          Kita ohne Spielzeug : Weg mit den Bauklötzen!

          Eine Kita ohne Spielzeug – klingt widersinnig. Tatsächlich aber kann die fehlende Ablenkung Wunder wirken und wichtige Fähigkeiten für das spätere Leben ausbilden.
          Ende Oktober 2018 steht Damian Boeselager, einer der Gründer der proeuropäischen Partei Volt, in Amsterdam bei einer Kundgebung auf der Bühne

          Kleinpartei vor Europawahl : Viel ge-Volt

          Große Versprechen, großer Idealismus: Volt ist proeuropäisch und tritt in acht Ländern zur Europawahl an. Wer ist die Kleinpartei, die es erreichte, dass der „Wahl-O-Mat“ kurzzeitig offline ging?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.