https://www.faz.net/-gr3-ykm9

Wolfgang Herrndorf: Tschick : Wenn man all die Mühe sieht, kann man sich die Liebe denken

  • -Aktualisiert am

Mit seinem Bruder sei er vor einigen Jahren „aus den russischen Weiten“ nach Deutschland gekommen, sagen die Lehrer; die Mitschüler vermuten Verbindungen zur „Russenmafia“. Bei Maik angefahren kommt er jedenfalls mit einem geklauten hellblauen Lada. Und weil Tschick beschlossen hat, Maik zu mögen, und Maik nicht viele Freunde und ohne Tatjanas Einladung auch gerade nichts Besseres vorhat, beschließen sie, in die Wallachei zu fahren, zu Tschicks Großvater. Da sie keine Ahnung haben, wo das genau liegt, brechen sie auf gen Süden, Tschick am Steuer, Maik daneben und im Radio eine Cassette mit der „Gold Collection“ von Richard Clayderman.

Hymne auf das Jungsein, Freundschaft, Liebe und das Leben

Wie gut Wolfgang Herrndorf zeichnet, kann man aus der „Titanic“ wissen oder von früheren Haffmans-Umschlägen; wie mühelos er schreibend einen Ton trifft, aus seinem 2002 erschienenen Debütroman „In Plüschgewittern“ oder aus dem Erzählungsband „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ (2007). Herrndorfs Sprache ist präzise bis ins Detail, liest sich dabei aber immer so locker, dass man leicht vergisst, wie schwierig so ein selbstverständlicher Ton hinzubekommen ist. Auch in „Tschick“ liegt die größte Wonne der Lektüre in den Einzelheiten der gewitzt-liebevollen Beobachtung, in Maiks aufgekratzter Stimme.

Wie Herrndorf diesen Vierzehnjährigen vom ersten Satz an heraufbeschwört, ohne einen einzigen Ausrutscher immer das richtige Maß findet zwischen altersgerechter Pose, Witz und Empfindsamkeit, das macht ihm keiner nach. Und weil Herrndorf in „Tschick“ auf die latente Aggressivität verzichtet, jene Grundwut auf die Welt, die den Donner der „Plüschgewitter“ bildete, liest man dieses Buch sogar noch lieber. Denn dass diese Hymne auf das Jungsein, die Freundschaft, die Liebe und das Leben auch von großer Wehmut und Trauer kündet, macht sie aus.

Großartige Dialoge

Maik und Tschick, die Berliner Nachfahren von Tom Sawyer und Huck Finn, diese jüngeren Brüder von Holden Caulfield und Herrn Lehmann, begegnen auf ihrer Odyssee, die - zwei Minderjährige in einem gestohlenen Wagen - von Anfang an auch eine Flucht ist, allerhand merkwürdigen Gestalten. Erst gabeln sie auf einer Mülldeponie das Mädchen Isa auf, das sie eine Weile begleitet, einmal werden sie fast erschossen, ein anderes Mal bauen sie einen Unfall, und dazwischen wird vieles Wichtige gesagt und vieles ebenso Wichtige nicht. Dass dazwischen trotzdem alles klar wird und unterwegs außerdem viel gelacht werden darf, aber nie auf Kosten von Maik und Tschick, macht aus dieser schönen, unaufdringlichen Geschichte große Literatur. Neben Maiks sensationellen Vergleichen sind vor allem die Dialoge großartig. „Das Buch hieß, glaube ich, Der Seebär. Oder Der Seewolf.' - ,Du meinst Steppenwolf. Da geht es auch um Drogen. So was liest mein Bruder.' - ,Steppenwolf ist zufällig eine Band', sagte ich.“

Einmal, nachdem Tschick seine, Maiks und Isas Initialen und die Jahreszahl 10 in die Wand einer Holzhütte auf einem Berggipfel geritzt hat, schließen die drei einen Pakt: sich in genau fünfzig Jahren, am 17. Juli 2060 um fünf Uhr nachmittags, hier wiederzutreffen, „egal, wo wir dann gerade sind, ob wir Siemens-Manager sind oder in Australien“. Und Maik gruselt bei der Vorstellung, „dass wir dann alle mickrige Greise sind, dass wir wahrscheinlich nur mit Mühe den Berg raufkommen würden, dass wir dann alle eigene blöde

Autos hätten, dass wir im Innern wahrscheinlich noch genau dieselben geblieben wären“. In solchen Sätzen zeigt sich die ganze Klug-, ja Weisheit dieses zärtlichen Buches. Auch in fünfzig Jahren wird dies noch ein Roman sein, den wir lesen wollen. Aber besser, man fängt gleich damit an.

Weitere Themen

Johnny Depp stellt neuen Film „Minamata“ vor Video-Seite öffnen

Berlinale : Johnny Depp stellt neuen Film „Minamata“ vor

Dank der Dokumentation durch den Fotografen W. Eugene Smith in den 70er Jahren, gespielt von Johnny Depp, konnten die Verantwortlichen einer Massenvergiftung in Japan vor Gericht gestellt werden.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.