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Wolfgang Frömberg: Spucke : Siggi Pop und die Untoten

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Bild: Verlag

Rein in die Geschichte: Wolfgang Frömberg erzählt in seinem Schlüsselroman vom Ende des Kölner Popmagazins „Spex“ und vom Erfolg einer gescheiterten Revolte.

          Ist Pop denn nun zu Ende, oder kann es Pop ohne die ständige Konstatierung seines Endes gar nicht geben? Wenn der Pop dann wider Erwarten doch sterblich war und einfach so zur Neige gehen konnte wie eine leergefressene Tüte Chips, dann kommen in deutscher Perspektive wohl zwei Todesdaten in Betracht, Juni 2003 und Dezember 2006: der Aufstieg Sigmar Gabriels zum sozialdemokratischen „Pop-Beauftragten“ und der endgültige Abstieg des Kölner Popkultur-Leitmediums „Spex“, das den Verkauf an den Münchner Verleger Alexander Lacher sechs Jahre zuvor noch gerade so verkraftet hatte, nicht aber die Entlassung der gesamten Redaktion, die sich gegen den Umzug in die Hauptstadt gesperrt hatte.

          Der letzte Literaturredakteur der echten „Spex“, Wolfgang Frömberg, hat jetzt einen melancholisch-trotzig-diskursschnöseligen Schlüssel- und Denkroman vorgelegt, in dem es zwar um die finalen Kölner Monate des einst so theorieromantischen Maulwurfmagazins geht – die „Spex“ heißt hier „Spucke“, Wolfgang Frömberg heißt Walter Förster, der Münchner Verleger ist ein Wiener Wurstfabrikant und ähnlich Erkennbares mehr –, ohne dass aber dem „Spex“-Kult an sich gefrönt würde. Im Vordergrund steht vielmehr eine poetologisch nicht ganz „unspexige“ (mitunter auch nach Tocotronic-Oberseminar und Blumfeld-Kitsch klingende) Gesamtanalyse der Poplinken in Zeiten der spätestens mit „Siggi Pop“ unübersehbar manifest gewordenen Subversion der Subversion. So grandios Literatur ist, in der zwischen stilistisch ambitionierter, klug verschachtelter Rollenprosa plötzlich ein so proletarischer Satz wie „Förster unterdrückte einen Furz“ aufleuchtet (und Förster unterdrückt hier wahrlich noch viel mehr), eine Ausflucht ins Zynisch-Spaßige allein erscheint dem Erzähler/Autor als zu einfach. Sisyphoshaft wälzt er immer wieder die großen Kritikbrocken wie Remythologisierung des Nationalen und Ausbeutung der Unterschicht jenen Renditeberg hinauf, den alles andere um ihn her fröhlich herunterdonnert. „Spucke“ ist durchaus Bekenntnisliteratur, aber das vom Feinsten.

          Faustische Edeldepression

          Förster ist als prekärer Journalist ein vielbeschäftigter Nichtstuer, beständig nachdenkend, diskutierend, interviewend, an ultraprätentiösen Kneipensalbadereien über Rhizome (Deleuze) oder die „Lust am Text“ (Barthes) brennend interessiert, ein verantwortungsbewusster Intellektueller eben, stets klamm und dazu von einer faustischen Edeldepression heimgesucht, gegen die Descartes’ Zweifel pure Spielerei ist, denn Förster treibt die Sorge um, in der „Zombie-Nation“ vielleicht unbemerkt selbst zum Untoten geworden zu sein. Wir dürfen ihn also nun durch seinen freischwebenden Redakteursalltag und seine Erinnerungen begleiten, zu denen auch einige Zombies aus dem literarischen Unterbewussten Zutritt haben, so etwa der amerikanische Psycho Patrick Bateman, als Machertyp eine Art Leitstern des Helden, seit er Bret Easton Ellis im Kölner Hyatt interviewt (und ihm natürlich den untoten Jochen Distelmeyer ans Herz gelegt) hat.

          Zwischen den Interviews mit Marcel Beyer, Chuck Palahniuk und Zadie Smith erfahren wir in Rückblicken von Försters Tochter Nele, diversen Wohnungen, seinem Job im Altenheim, wenig ersprießlichen Aufenthalten in London und von vielen Anekdoten. Damit verschränkt ist die Lebensgeschichte von Walter Försters Vater Gustav, der bei Ford arbeitete: Der Vater, das merkt man erst allmählich, ist frei nach Lacan der große andere, der – als ausgebeuteter Fabrikarbeiter – alle Ordnung des symbolischen Revoluzzertums überhaupt erst garantiert, aber zugleich ist der Werkzeugmacher eben das harte Reale, das sich jede neomarxistische Intellektuellensolidarität nicht nur verbittet, sondern ihr den Boden entzieht, indem Gustav Förster, der die DDR überwunden hat, sich im darwinistischen Fabrikalltag an die Spitze durchgebissen hat, als Streikbrecher fungierte und mit den „Kanaken“ aufräumte.

          Im System gegen das System

          Es ist die alte Frage, ob sich innerhalb des Systems gegen das System revoltieren lässt, denn damit steht und fällt das Versprechen jeder Gegenkultur: Ist also Pop nur die Kurzform für Pose des Politischen oder doch für die Politik der Pose, reiner Ästhetizismus oder Unterwanderung über den Schleichweg der Form? Schließlich durchbricht auch Förster mit seiner Dekonstruktivistentruppe die Agonie des Symbolischen, treten sie aus dem Schatten der Macher und schreiten zur Aktion: in diesem Fall zur Besetzung der „Spucke“-Redaktion (inklusive Barrikadenbaus). Dass man weiß, wie die Geschichte ausging, was hier nur angedeutet wird: „Unten kletterten die ersten Zombies über die Barrikaden. Die über die Dächer hallende Parole 'Raus aus dem Kulturbetrieb, rein in die Geschichte' konnte sie nicht stoppen“, dass Reinhard Jellen, der linksdrehende Dichter-DJ mit einiger Reputation im Untergrund, nach dem Rauswurf der gesamten Kölner „Spex“-Redaktion das neue Berliner Magazin mit einem einzigen Kommentar versenkte: „Vom ersten Chefredakteur Gerald Hündgen bis zu Max Dax ist es eben ein weiter Weg: In etwa die Strecke von Aristoteles zu Norbert Bolz“, all das klingt hier mit, aber tut eigentlich nichts mehr zur Sache, denn der Absprung ist geschafft: „An diesem Abend regierte Anarchie, die Jedermann-Anzüge blieben im Schrank.“

          Der eigentliche Schlüsselmoment des Romans ist denn auch ein Besuch des Protagonisten bei Barbara Kalender und Jörg Schröder in Heidelberg, den „März“-Legenden: „Schröder erzählt“, das waren Tauchgänge durch das Haifischbecken des literarischen Lebens, abgesichert nur durch die extreme Subjektivierung. Genau dies nun vollzieht dieser intelligente Roman ebenfalls, der uns doch tatsächlich noch einmal den alten Traum des Realrevolutionären zumutet, aber das in charmant verunsicherter Subjektivierung.

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