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Wolf Wondratschek: Das Geschenk : Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss

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Da er sich eine Entzugsklinik nicht leisten konnte, entschied er sich für ein kostengünstigeres und auch deshalb von Männern gern gewähltes Rettungsprogramm: die Ausbeutung einer jungen Frau („etwas Blühendes, etwas berührend Unschuldiges“) als Therapeutikum. „Er hatte nie ein aufrichtiges Interesse an dem aufbringen können, wer sie war, was sie dachte, was sie gemacht hatte oder in Zukunft zu tun vorhatte.“ Deshalb bleibt die Mutter seines Sohnes in der Erzählung ohne Namen und Gesicht, auch wenn es irgendwann zu einer Art Aussöhnung zwischen Chuck und ihr gekommen ist. Wondratschek erzählt diese Geschichte ohne große Rücksicht auf seinen Protagonisten, dem schließlich selbst bewusst ist, dass er ein „Scheißkerl“ sein kann, und der deshalb auch einzugestehen bereit ist, dass das, was er dieser Frau angetan hat, wohl doch ein Verbrechen war.

Ein Mafiagedicht von hammerharter Herrlichkeit

Aber das Leben ist nun einmal ungerecht und belohnt ihn für dies Verbrechen mit dem größten Geschenk: einem Sohn und seiner eigenen Wiedergeburt. „Es war der Vater so neu geboren wie der Sohn. Er hatte es geschafft. Er war am Tag der Entbindung seine Sucht los, endgültig, für immer.“ Allerdings muss ihm erst eine gute Freundin beibringen, dass ihm nicht das Leben, sondern die junge Frau, über die er immer so unangenehm selbstgerecht urteilt, dieses doppelte Geschenk gemacht hat. Wolf Wondratschek erzählt all dies mit entspannter Lakonik und großer Sympathie für seine Figuren - der größten naturgemäß für Chuck, mit dem ihn sicher manches Schicksal verbindet - und beweist damit, welch wunderbar abgeklärter Geschichtenerzähler er sein kann (anders als Chuck, von dem es heißt, er sei als Autor „kein Geschichtenerzähler“; etwas muss den Autor schließlich von seinen Figuren unterscheiden). Allerdings sollte er sich die Schrulle abgewöhnen, seine Geschichten durch Fußnoten zu erläutern.

Wondratschek lässt seinen Chuck bei aller Altersmilde und väterlichen Abgeklärtheit aber größten Wert darauf legen, dass er sich seine Unabhängigkeit und seinen Eigensinn bewahrt hat: Vater ja, angepasst niemals! Am Anfang der Erzählung bringt Chuck seinem Sohn bei, wie unwichtig Geld sei, und an deren Ende lehnt er, obwohl er pleite ist, das Angebot zu einem von der Pharmaindustrie finanzierten lukrativen Auftritt ab. Auf die einsamen alten Cowboys ist eben Verlass: A man's got to do what a man's got to do. Dabei hatte Chuck doch schon zu Beginn der Erzählung gespürt, wie wenig sein Sohn es mag, wenn er sich „in der Rolle des weisen alten abgeklärten Cowboys“ gefällt. So umwittert den ganzen Text ein Hauch von melancholischer Ironie, wie sie wohl nur Autoren möglich ist, die schon so Manches hinter sich haben und insgesamt ziemlich mit sich im Reinen sind.

Die, wie gesagt, mittlerweile in die Jahre gekommenen Fans Wondratscheks werden dies Buch schon deshalb als Geschenk betrachten, weil es auf gewissermaßen altersgerechte Weise all das enthält, was sie schon immer an ihrem Autor geliebt haben. Jüngeren Lesern wird es einen wunderbaren Leseabend bereiten und ein wenig von der Scheu rauben, Nachwuchs in die Welt zu setzen. Gut so! So trägt auch Wolf Wondratschek dazu bei, dass Deutschland sich nicht selbst abschafft. Und als Betthupferl schenkt er den Lesern dieses Buchs noch ein langes Mafiagedicht von hammerharter Herrlichkeit.

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