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Biermanns Novellen „Barbara“ : Lende und Wende

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Für die SED eine „grobe Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten“, der die Ausbürgerung folgte: Wolf Biermann bei seinem Auftritt in der Sporthalle in Köln am 13. November 1976 Bild: Picture-Alliance

Wenn der Hammer mit der Sichel: Wolf Biermann erzählt von heißer Liebe im Kalten Krieg. Eine Ära, die zwischen falscher Nostalgie und kühlem Desinteresse zu verdämmern droht, wird noch einmal lebensprall heraufbeschworen.

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          Das schelmische Wegducken unter dem Ruhm ist eine sympathische Allüre der politisch alerten Künstler des Landes, man denke nur an Hans Magnus Enzensberger oder Dieter Hildebrandt. Es gibt aber auch eine Ironie aus Unbescheidenheit, ein frech draufgängerisches Brechtzigarrenkauen (selbst ohne Zigarre), und der unangefochtene Meister dieser Klasse ist Wolf Biermann. Ein ganzes Leben hat er gegen das Verstecken angelebt und den vorlauten Edelproletarier gegeben. Drei Jahre nach seiner Autobiographie „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ ist nun ein Band mit autobiographischen Erzählungen des Dreiundachtzigjährigen erschienen, und sie springen uns, um es biermännisch zu sagen, mit dem Arsch ins Gesicht, diese ungewöhnlich kraftvollen, historisch-burlesken Geschichten. Nostalgie kennen sie wohl, aber nur als dialektische („trotz alledem“), nicht als belämmerte.

          Es gehe in den Novellen um berühmte Wegbegleiter und ganz normale Menschen, versichert Biermann, aber dann geht es hier doch zuallererst um ihn, das Zentralgestirn in diesem Kosmos, und das so berserkerhaft, wie man es heute nicht mehr gewohnt ist. Schon in den ersten Zeilen des Buches entflieht der junge Wolf, es ist das Jahr 1965, seiner „einzigen Brigitte“ in die Charité: „Ich hatte sie mal wieder betrogen mit gleich zwei jungen Frauen.“ Eingewickelt werden wir sodann in eine pornographische Herrenphantasie, deren Lektüre allein sich in #Metoo-Zeiten schon verboten anfühlt. Eine üppige Krankenschwester, „der saftigste Pfirsich, den ich je gepflückt hatte“, versorgt den gurrenden „Frauenversteher“ nicht nur in der Klinik, sondern auch hernach, beim schwesterlichen Hausbesuch, und zwar nach Raubtierart: „ein seltener Muskel musste das sein. Der schnappte nach meinem Will, zog ihn immer noch tiefer rein und massierte mein Zentralorgan im aufreizenden Rhythmus“.

          „Der Rebell raubt seinen Widersachern die Weiber“

          Eingeschaltet findet sich hier eine traurige DDR-Biographie, denn Garance, so der Kosename für die neue Liebhaberin, war eine Republikflüchtlingsgattin, die der maliziöse Apparat mit der Drohung, ihr den Sohn wegzunehmen, zur Teilzeit-Stasi-Hure in West-Berlin gemacht hatte. All das aber konnte die Leidenschaft des jungen Wolfs nicht zähmen, im Gegenteil: „Ich zappelte als Fisch in ihrer Reuse.“ Erst ihre absichtslose Bemerkung: „dass du ein Jude bist...mich stört das nicht“ erstickte das lichterlohste Lendenfeuer, das je hinter der Mauer gelodert hat. Der Gedanke an Auschwitz, mag das heißen, killt in den Söhnen der Ermordeten selbst den wildesten Lebenstrieb. All die Fallhöhe besitzende Selbstinszenierung als potenter Stier und brachiales Genie, über die sich so leicht lächeln ließe (und lässt), ist somit vor allem eines: eine erzählerische Strategie, die auf Installierung eines satisfaktionsfähigen Gegners der Funktionäre drüben wie hüben zielt. Der gegen jedes Eitelkeitsverbot verstoßende Biermann wirkt wie eine Figur, die sich samt des spelunkigen Namens der große Brecht hätte ausgedacht haben können: „Der Rebell raubt seinen Widersachern, den übermächtigen Ober-Genossen, die Weiber.“ Ein Hammer für die Sicheln.

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