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: Woher ich komme, weiß ich nicht

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Lyrik und Prosa gleichzeitig zu schreiben ist fast unmöglich. Zu unterschiedlich sind die Verfahren, aus Figur, Dialog und Zeit Wirklichkeit zu erzeugen. Umso faszinierender sind deshalb Dichter, die dennoch ab und an auch erzählen, Erzähler, die vom Gedicht nicht lassen. Der janusköpfige Autor riskiert seine Stimme, sollen aus Versen wieder Sätze, aus Absätzen erneut Strophen werden.

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          Lyrik und Prosa gleichzeitig zu schreiben ist fast unmöglich. Zu unterschiedlich sind die Verfahren, aus Figur, Dialog und Zeit Wirklichkeit zu erzeugen. Umso faszinierender sind deshalb Dichter, die dennoch ab und an auch erzählen, Erzähler, die vom Gedicht nicht lassen. Der janusköpfige Autor riskiert seine Stimme, sollen aus Versen wieder Sätze, aus Absätzen erneut Strophen werden. Die von Sven Meyer ausgewählten Gedichte der Jahre 1964 bis 2001 belegen, dass sich diesem Wagnis über fast vierzig Jahre hinweg auch W. G. Sebald ausgesetzt hat.

          Ende 2001 starb Sebald im britischen Norfolk bei einem Autounfall. Seit 1966 lebte er fast ständig in England, viele Jahre als Dozent für deutschsprachige Literatur in Norwich. Spät, mit über vierzig, begann er, literarische Texte zu veröffentlichen, zunächst Lyrik: 1988 erschien "Nach der Natur. Ein Elementargedicht". Es folgten Prosabände, die Erzählung mit Essay verquicken und für Aufsehen sorgten durch kühne Montage-, Collage-, eigentlich Bricolageverfahren. Da lauern in "Schwindel. Gefühle" (1990), "Die Ringe des Saturn" (1995) und "Logis in einem Landhaus" (1998) uralte Wortungeheuer an Satzmäandern von berückender Schönheit. Da gespenstern so bizarre wie ergreifende Figuren ein Jahrhundert lang um die halbe Welt, nur um wie der Onkel Kasimir in "Die Ausgewanderten" (1992) am Ende an einem Strand von New Jersey zu stehen und eine Kamera zu zücken. "I often come out here", vertraut er dem Erzähler an, "it makes me feel that I am a long way away, though I never quite know from where" - Menetekel der Entwurzelung so vieler Sebaldscher Gestalten.

          Das Foto, das der Onkel dann schießt und das niemand anderen zeigt als W. G. Sebald, fügt der Autor wie Hunderte andere Abbildungen, die er sammelt auf Streifzügen durch Städte, Parks, Wohnzimmer und Bibliotheken, in seine Texte ein, kunstvoll montiert zu einem moribunden Panoptikum, einem monströsen Panorama. Jeder Satz, jedes Bild in Sebalds Prosabänden spricht von der Gewalt der Vergänglichkeit, drückt den Schmerz aus an der Unwirklichkeit und setzt doch beidem Ironie und Skepsis entgegen. Im Widerstand durch Integrität und Empathie liegt Sebalds eigentliche Bedeutung. "Luftkrieg und Literatur" (1999) sowie "Austerlitz" (2001), der Essay und der Roman, die Sebald weltweit bekannt machten, vertiefen seine Auseinandersetzung mit Schoa und medialer Vernichtung der Lebensvielfalt, zentrale Anliegen auch der posthum erschienenen Gedichte "Unerzählt" (2003) und des gleichfalls von Sven Meyer herausgegebenen Fragments "Campo Santo" (2003).

          Ein Band mit ausgewählten Gedichten ermöglicht nicht nur den Blick auf Sebalds Frühwerk, seine lyrischen Vorbilder und Einflüsse, er erlaubt zudem, Gedicht für Gedicht die Entwicklung einer unverwechselbaren Stimme mitzuerleben. "Schullatein", das erste Kapitel des dreiteiligen Bands, versammelt Gedichte von 1964 bis 1975, die zum Teil in der "Freiburger Studenten-Zeitung" erschienen und den Einfluss Eichs und Krolows zeigen. Noch verblüffender ist der Huchel-Epigone, der ahnt: "Im Haus aus Schatten / am Anfang der Legende / beginnt das Entziffern." Im zweiten Teil "Über das Land und das Wasser" folgt man Gedichten von 1981 bis 1984. Die Einflüsse sind anverwandelt, die Form experimentiert. Auffällig ist der gespreizte Duktus, vielsagend, wie das Englische und damit für Sebald die Lebenswirklichkeit Einzug hält: "Einfahrt in die nordöstlichen / Vorhöfe der Metropole / Gilderson's Funeral Service / Merton's Rubbish Disposal / die A1 Wastepaper Company / Stratford die Wälder von Arden" - plötzlich ist er da, der "Sebald-Sound".

          Die sechzehn meisterhaften Gedichte des dritten Kapitels "Das vorvergangene Jahr" entstanden in Sebalds letztem Lebensjahrzehnt. Historische Überblendung, Zitatmontage und Raffinement von Syntax und Vokabular paaren sich mit Strophentektonik, Klangdetail und grafischem Blick. In Marienbad begegnet man dem alten Goethe, krank vor Liebe zu der jungen Ulrike von Levetzow. Man reist 1904 mit dem sterbenden Tschechow nach Badenweiler. Und folgt Sebald neunzig Jahre später abermals in die Rheinebene. Die zufriedene Resignation der Kohl-Ära halten Reisegedichte über Hotels, Bistros und Intercity-Züge fest. Gedichte mögen in Sebalds Werk eine Nebenrolle spielen. Poetisch gefasst, kommt ihnen die Bedeutung jener in Schiphol durch das Terminal schwirrenden Spatzen zu, von denen sein letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Gedicht erzählt - flatterndes Leben in einer technologisierten Fremde.

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