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Norbert Zähringer: „Wo wir waren“. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2019. 512 S., geb., 25,– Euro. Bild: Rowohlt

Norbert Zähringers neuer Roman : Weltraum und Waisenhaus

Bei ihm hängt alles mit allem zusammen: Norbert Zähringers Markenzeichen ist das Verschränken von Realem und Fiktiven. Vor lauter Ereignisturbulenz lässt die Erzähllogik dann auch mal zu wünschen übrig.

          Weltweit etwa sechshundert Millionen Menschen haben vor einem halben Jahrhundert Neil Armstrongs ersten Schritt auf den Mond live miterlebt. Unter ihnen war, so erzählt es der neue Roman von Norbert Zähringer, auch der damals fünfjährige Hardy Rohn. Hardy sieht die singuläre Szene am inzwischen hochmusealen Grundig-Fernseher „Zauberspiegel Modell 237“ – ja, den gab es – in der Pförtnerloge eines Waisenhauses im Rheingau. Was hat der Dreikäsehoch dort mitten in der Nacht zu suchen? Zur Erinnerung: Armstrongs kleiner Menschen- und großer Menschheitsschritt ereignet sich zur einstigen mitteleuropäischen Einheitszeit am Montag, dem 21. Juli 1969, um drei Uhr, 56 Minuten und fünfzehn Sekunden.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Seit dem Romandebüt mit dem Kürzesttitel „So“ von 2001 ist das bewusste Verschränken von realen Welt- und Medienereignissen mit fiktiven Individual- und Familiengeschichten ein Markenzeichen des 1967 in Stuttgart geborenen, in Wiesbaden aufgewachsenen und seit Jahrzehnten in Berlin lebenden Norbert Zähringer. Bei ihm hängt auf vertrackte wie raffinierte Weise immer alles mit allem zusammen: In „So“ etwa Che Guevara und die kubanische Revolution der fünfziger Jahre mit einem Berliner Filialleiter der Nachwendezeit, in „Bis zum Ende der Welt“ (2012), dem vierten Buch, unter vielem anderen auch die Katastrophe von Fukushima mit dem Glück in einer portugiesischen Provinzapotheke.

          Von Anfang an Literatur aus Literatur

          „Wo wir waren“, der fünfte Roman, verbindet Weltraum und Waisenhaus. Er schlägt überdies einen Erzählbogen, der zeitlich von 1901 bis 2009 und räumlich vom Rheingau bis ins einst ostpreußische Memel, von den Kriegsdschungeln Vietnams bis ins Aussteigermekka Kathmandu und von der Globalagglomeration Los Angeles bis ins kasachisch-russische Baikonur reicht – beiläufiger auftauchende Gegenden gar nicht erst erwähnt. Recht genau spiegelt sich die thematische Spannweite der Handlung in der Bücher- und Filmliste wider, die der Autor gleich hinter das Romanende setzt: Einer „Geschichte der deutschen Vertriebenen“ und einer der „Heimkinder“ wird dort ebenso Reverenz erwiesen wie dem „Geständnis einer Giftmörderin“, der Heftchenreihe „Perry Rhodan – der Erbe des Universums“, Werner Herzogs Dokumentation „Flucht aus Laos / Little Dieter Needs to Fly“ oder Norman Mailers Reportage-Essay über die „legendäre Reise der Apollo 11“ mit Armstrong, Aldrin und Collins an Bord.

          Zähringers Literatur ist von Anfang an Literatur aus Literatur gewesen, was überhaupt nicht gegen sie spricht. Auch dass der Autor von sich selbst absieht, offenkundig Autobiographisches also meidet, ist angesichts all der Ich-Sager unserer Literatur kein Nachteil. Beides aber, das Verwandeln von Sekundärstoff in Romanhandlung wie der Verzicht auf einen persönlichen Erzählgrund, erfordert erhebliche konstruktive und narrative Qualitäten, um jenseits der puren Leser-Unterhaltung auch als Kunstwerk zu reüssieren. Neben Zähringers Debüt hat in dieser Hinsicht vor allem „Einer von vielen“, der dritte, ein deutsch-amerikanisches Panorama des zwanzigsten Jahrhunderts entfaltende Roman, die Literaturkritik zu überzeugen vermocht. Etwas zwiespältiger hingegen ist der Eindruck, den nun „Wo wir waren“ hinterlässt.

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