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: Wo Glück gezüchtet wird

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East Village, Kanada, ist so ungefähr das Gegenteil des gleichnamigen New Yorker Stadtteils und vermutlich der letzte Ort, an dem sich pubertierende Jugendliche zu leben wünschen. Die staubige Hauptstraße mündet in brachliegende Äcker; Bahnhof, Schwimmbad und Billardsalon wurden schon vor langer Zeit geschlossen.

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          East Village, Kanada, ist so ungefähr das Gegenteil des gleichnamigen New Yorker Stadtteils und vermutlich der letzte Ort, an dem sich pubertierende Jugendliche zu leben wünschen. Die staubige Hauptstraße mündet in brachliegende Äcker; Bahnhof, Schwimmbad und Billardsalon wurden schon vor langer Zeit geschlossen. Zum Zeitvertreib ist eigentlich nur zweierlei vorgesehen: Beten und Arbeiten. Denn die Bewohner der Ortschaft sind Mennoniten, Angehörige einer evangelischen Freikirche mit norddeutschen Wurzeln, die einst nach Kanada kamen, um den Verlockungen der Moderne zu trotzen und auf das Reich Gottes zu warten.

          Das bringt gewisse Entbehrungen mit sich, und die bekommt die sechzehn Jahre alte Protagonistin dieses Romans so schmerzlich zu spüren wie wohl einst die Autorin Miriam Toews, die selbst in einer Mennoniten-Gemeinde aufwuchs: Trinken und Tanzen sind ebenso verboten wie Bücher und Sex aus Spaß, Schminken und Rockmusik so verpönt wie Großstadtbesuche oder langes Aufbleiben. Wer sich nicht in das bigotte Gemeinschaftsleben einfügt, wird geächtet. Zudem hat Noemi Nickel bereits zwei Menschen verloren: Erst floh ihre rebellische Schwester Tash vor der Tristesse, wenig später verschwand auch ihre Mutter Trudie spurlos.

          Drei Jahre ist das her, als Noemis Erzählung einsetzt, drei Jahre und ein paar Wochen, als sie endet. Dazwischen passiert nicht wirklich viel. Das Mädchen streunt durch die Straßen und schwänzt die Schule, versucht sich mit ihrem Vater zu arrangieren und trifft ihren Freund Travis. Samstags geht es zum Baggersee, dem Sündenpfuhl des Ortes, wo Jugendliche trinkend und rauchend die Nächte durchmachen, und sonntags in den Gottesdienst. Zwischendurch verliert sie sich in Erinnerung an "die schönere Hälfte" ihrer Familie und stellt sich den großen Fragen ihrer Existenz: Warum sieht sie nicht so gut aus wie die entschwundene Schwester? Wo bekommt sie Geld her - und wo die Pille?

          Wie so viele jugendliche Ich-Erzähler vor ihr schildert Noemi all dies mit angemessener Respektlosigkeit, gelegentlich unstrukturiert, manchmal scharfsinnig, oft durchaus amüsant. Es ist auch ihr schnoddriger Tonfall, der über weite Strecken glauben läßt, es handle sich tatsächlich nur um eine weitere Geschichte um die Irren und Wirren des Erwachsenwerdens, wenn auch unter verschärften Bedingungen. Tatsächlich ist die Schnoddrigkeit hier wohl der einzig mögliche Weg, eine im Grunde tieftraurige Geschichte zu erzählen, ohne pathetisch zu werden. Es sind gerade die kleinen Szenen und beiläufigen Beobachtungen, die anrühren: wenn Noemis Vater nachts die Müllkippe des Ortes aufräumt, um wenigstens irgendwo Ordnung zu schaffen, sich kleine Zettel in die Schuhe steckt, um zu erinnern, was am nächsten Tag ansteht, oder Noemi ihrer kranken Freundin Lydia vorsichtig die Haare kämmt, weil sie es selber nicht mehr schafft.

          Am Ende, während Noemi immer noch abwechselnd stoisch ihrer Zukunft als Arbeiterin in der "Happy Family Farm" - der Hühnerfabrik, dem Hauptarbeitgeber des Ortes - entgegensieht und dann wieder davon träumt, in die Großstadt zu ziehen, hat sich auch ohne ihre Zutun auf einmal einiges verändert - nicht zum Besten. Der Vater ist nun auch weg; er wird genausowenig wiederkommen wie der Rest der Familie. Die verhinderte Rebellin tut, was sie am besten kann: Abwarten. Vielleicht auf ein besseres Ende.

          JENNIFER WILTON

          Miriam Toews: "Ein komplizierter Akt der Liebe". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Christiane Buchner. Berlin Verlag, Berlin 2005. 305 S., geb., 18,- [Euro].

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