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: Wo bleibt denn hier die Zukunft?

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Ein Medienroman und die Satire dazu will dieses Buch sein. Doch mit seiner konfektionierten Sprache, den schablonenhaften Figuren und Zeitgeist-Klischees biedert es sich dem Milieu, das es aufs Korn nimmt, so zielsicher an, daß es davon selbst nicht mehr zu unterscheiden ist. "Content ist der Schlüssel zu allem.

          Ein Medienroman und die Satire dazu will dieses Buch sein. Doch mit seiner konfektionierten Sprache, den schablonenhaften Figuren und Zeitgeist-Klischees biedert es sich dem Milieu, das es aufs Korn nimmt, so zielsicher an, daß es davon selbst nicht mehr zu unterscheiden ist. "Content ist der Schlüssel zu allem. Ist Voraussetzung und Grundsubstanz, Ursprung und Ausgangspunkt. Content ist Inhalt. Nicht mehr und nicht weniger. Ohne Inhalt läuft gar nichts. Nur wer einen Inhalt besitzt, kann eine Community aufbauen, und wo eine Community ist, gibt es Commerce." Also spricht Radiochef Roland Zarth von Taff FM zu seinen Mitarbeitern und erklärt auch uns beiläufig, was wir vom Mediengeschäft immer schon gedacht, aber nie zu fragen gewagt haben: Wenn ohne Inhalt gar nichts läuft, warum läuft eigentlich noch was?

          Es muß an der Community liegen. Wie die beschaffen sein soll, zeigt sich an den Accessoires, mit denen die Romanwelt ausgestattet ist. Zum Geschäftsempfang beispielsweise läßt man eine "Aqua-Bar" aufbauen, in der "nur die feinsten und teuersten Wässer der Welt", von isländischen Gletschern bis zur australischen Wüste, angeboten werden. Als Mitbringsel von der Geschäftsreise gibt es eine "Ultraschallzahnbürste mit 18 000 Schwingungen pro Minute" und integriertem Hochleistungsprozessor. Und als besondere Überraschung darf es auch ein neues Auto sein, zumal ein "elegantes Cabriolet in diesem exotisch funkelnden smaragdschwarzen Metallic-Ornat". Kein Wunder, daß hier der Commerce wie von selber läuft. Was aber sollen das für Menschen sein, mit denen diese schöne neue Medienwelt bevölkert ist?

          Roland Zarth ist Metropolenradio-Geschäftsführer, Visionär und Workaholic. Abends entkorkt er gerne einen Rotwein, steigt in den Seidenkimono und gibt damit der Frau an seiner Seite namens Vera "dieses Gefühl von Steigerung, das sie so sphärisch machte, wie sie es nannte", hatte sie doch immer "einen Mann gewollt, der auch ihrer Reputation diente". Doch aller Überschwang des Glücks vergeht, sobald der reputierliche Geliebte die Abende daheim nur noch im "Online-Séparée" verbringt. Vera wird zur Standby-Frau. Da trifft es sich, daß sie beim Joggen einen gefühlsechten Ersatz kennenlernt, der arbeitslos, doch immerhin Assessor ist. Daher mag er fortan zur Steigerung ins Sphärische dienlich sein.

          Der Fall ist bezeichnend für die prätentiöse Haltung des Romans, von vermeintlich höherem Niveau auf seine Figuren herabzublicken. Renate Feyl, von der uns der Klappentext zu berichten weiß, daß sie studierte Philosophin ist, hat seit zwei Jahrzehnten mit historischen Fiktionen über verkannte Frauen reüssiert. Jetzt sucht sie Tiefsinn im Seichten und kann doch nur zielgruppengerecht kolportieren, wovon Thirtysomethings träumen: "die permanente Vorwegnahme einer Zukunft, von der niemand weiß, wann sie kommen wird". Das ginge schon in Ordnung, wenn Feyl nicht selber permanent vorwegnehmen würde, daß alle Kultiviertheit, ganz wie Zarths Seidenkimono, nur Bemäntelung ist. Darunter sieht die Sache dürftig aus.

          Es gibt zwei Sorten Schundliteratur: gute und schlechte. Letztere will zu den Genre-Klischees, die sie bedient, auch gleich das Naserümpfen mitliefern. Sie ziert sich, spreizt sich, gibt sich ironisch abgefedert, hochgebildet und zwinkert ihren Lesern einvernehmlich zu, damit wir das kokette Spiel auch bestimmt durchschauen. Das macht sie unerträglich. In "Streuverlust" macht sie den Content.

          TOBIAS DÖRING.

          Renate Feyl: "Streuverlust". Ein Lebensabschnittsroman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004. 293 S., geb., 18,90 [Euro].

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