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: Wo bleibt das Experiment?

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Erstaunlich, wie wenig Gewicht zwei Kilo Papier haben können. Dabei ist gegen einen Kanon der Lyrik nichts zu sagen. Auch dieser enthält ein Gros der lyrischen Evergreens, die den Kern einer jeden Sammlung ausmachen. Doch schon der Verzicht auf Alfred Lichtensteins berühmtestes Gedicht "Die Dämmerung", ...

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          Erstaunlich, wie wenig Gewicht zwei Kilo Papier haben können. Dabei ist gegen einen Kanon der Lyrik nichts zu sagen. Auch dieser enthält ein Gros der lyrischen Evergreens, die den Kern einer jeden Sammlung ausmachen. Doch schon der Verzicht auf Alfred Lichtensteins berühmtestes Gedicht "Die Dämmerung", die Tatsache gar, daß Kurt Schwitters nicht mit "Anna Blume", sondern einzig mit der unbekannteren "Nixe" vertreten ist, macht mich stutzig. Der Anspruch, einen Kanon für orientierungsbedürftige Leser zu erstellen, schlösse die kühne editorische Geste mit dem Ziel, den gefestigten Kanon punktuell umzuschreiben, eigentlich aus. Nach welchen objektiven Maßstäben also wurde dieser Kanon erstellt, fragt man sich interessiert, bis im siebten Band, der Gedichte der letzten fünf Jahrzehnte versammelt, die böse Ahnung Gewißheit wird. Naturgemäß ist dies der spannendste, da noch umstrittenste Teil der Lyrikgeschichte - und damit der Gütetest für jeden Kanon. Und so sieht es aus: Kein Erich Arendt, Gerhard Falkner, Reinhard Priessnitz, Gerhard Rühm, Günter Bruno Fuchs, Wolfgang Hilbig, Paul Wühr, Johannes Kühn, keine Elke Erb und keine Inge Müller, auch kein Heiner Müller, kein Oskar Pastior, Bert Papenfuß, Adolf Endler, Günther Herburger, Jürgen Theobaldy, Rainer Schedlinski, Harald Hartung, Guntram Vesper, Rainer Malkowski. Keine Spur auch von Thomas Kling, Eugen Gomringer und Nicolas Born. Dafür trifft man auf André Heller. So geht es weiter.

          Natürlich läßt sich an jeder Anthologie herummäkeln, und das Nennen all dieser Namen ließe sich als Erbsenzählerei abtun, wenn am Ende nicht so viele Schoten zusammenkämen, daß von dem Eintopf ein ganzes Bataillon zehren könnte. Zwar wimmelt es von großartigen Autoren, doch die Auswahl scheint mir in höchstem Maße eingeschränkt, ohne dabei für mich nachvollziehbar zu sein. Experimentelle Lyrik? Hat es für Marcel Reich-Ranicki offenbar nie gegeben. Er muß sie nicht mögen, aber darf er sie als Herausgeber komplett aussparen? Wohl kaum.

          Die Hälfte der Gedichte etwa, mit denen Durs Grünbein vertreten ist, stammt aus seiner schmalen, "Den Teuren Toten" gewidmeten Etude, kein einziges hingegen aus dem Band "Grauzone morgens", mit dem er bekannt wurde. Aber, so ließe sich einwenden, müssen beim Erstellen einer Anthologie nicht die persönlichen Vorlieben des Herausgebers eine erkennbare Rolle spielen? Natürlich. Zugleich aber gibt es einen durch die Zeit und die Entwicklung der Lyrik abgesegneten objektiven Kanon - und wo bloßer Gusto diesen unterschlägt, beginnt für mich die Klitterung. Aber, ließe sich wiederum einwenden, kann man dieses Sammelwerk dann nicht einfach als ganz persönliche Lektüreempfehlung des Herausgebers auffassen? Doch, das könnte man und das müßte man wohl auch. Wenn da nicht riesenhaft das Wort "Kanon" prangen würde. Denn dieses Wort tritt immer mit einem Alleingültigkeitsanspruch auf.

          Selbst wenn mit Steffen Jacobs und Albert Ostermaier wenigstens zwei der jüngeren Lyriker Gnade vor den Augen des Herausgebers gefunden haben: Wer sich für die zeitgenössische deutschsprachige Lyrik mit all ihren Facetten interessiert, kann sich das Geld sparen. Denkbar wäre, sich im Antiquariat für etwas Kleingeld eine beliebige "Blumenlese" deutscher Lyrik zuzulegen, um den Kernbestand älterer Lyrik abzudecken. Mit dem Rest des Gesparten ließe sich ein Blick auf so engagierte lyrische Kleinverlage wie kookbooks werfen - oder eine jener Zeitschriften abonnieren, die, finanziell chronisch unterernährt, die neuesten Entwicklungen dokumentieren, die "Losen Blätter" aus Berlin oder die Leipziger "EDIT" etwa. Dort läßt sich die neue junge Vielfalt deutschsprachiger Lyrik erleben - und erahnen, warum Joseph Brodsky in der Poesie die "höchste Form der Sprache, vereinfacht gesagt die Bestimmung unserer Gattung" sehen konnte.

          Jan Wagner, geboren 1971 in Hamburg, debütierte 2001 mit dem vielfach ausgezeichneten Gedichtband "Probebohrung im Himmel". Zuletzt erschien 2004 der Band "Guerickes Sperling".

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