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: Wir wollen nicht mehr einsam sein

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Es gibt zwei neue Bücher. Eins von Peter Handke und eins von Martin Walser. In dem einen kommt die deutsche Schuld vor. Im anderen Rambouillet. Im einen wird dem Protagonisten Verharmlosung der deutschen Vergangenheit vorgeworfen, ein freches Selbst-Freisprechen von jeder Schuld. Im anderen werden ...

          Es gibt zwei neue Bücher. Eins von Peter Handke und eins von Martin Walser. In dem einen kommt die deutsche Schuld vor. Im anderen Rambouillet. Im einen wird dem Protagonisten Verharmlosung der deutschen Vergangenheit vorgeworfen, ein freches Selbst-Freisprechen von jeder Schuld. Im anderen werden aus Schloß Rambouillet - für die Freunde des alten Jugoslawien symbolischer Ort der Zerschlagung des Landes und eines Diktatfriedens der Nato - Hunde auf den Protagonisten gehetzt. Und was steht wo? Richtig: Die Sache mit der deutschen Schuld steht im Zentrum des neuen Romans von Martin Walser "Der Augenblick der Liebe", der in dieser Woche erscheint. Und die Hunde von Rambouillet finden sich in Peter Handkes Buch "Don Juan (erzählt von ihm selbst)", das zwei Wochen später folgt. Nichts Neues also? Die Kämpfe der zwei einsamsten Bücherkämpfer - um Deutschland, um Jugoslawien - gehen einfach weiter? Werden weitergekämpft mit den Mitteln des Romans? So ist es. Ja. Und: So ist es nicht.

          Alte Männer

          Die Schriftsteller Peter Handke (61) und Martin Walser (77) sind seit einer Weile auf einsamen Wegen. Handke nahm, je aussichtsloser sein Kampf für das alte Jugoslawien wurde, immer verbissener für Serbien Partei. Beschimpfte in einem Dauer-Furor den "Westen", die Nato und die Medien, gab seinen Büchner-Preis zurück und beharrte, je einsamer er wurde, nur um so entschlossener auf seiner eigenen, radikal anderen Weltsicht. Auf seinem "Idiotentum", wie er selber sagte. Und Martin Walser, der sich seit Jahren fast manisch bemüht, endlich von der deutschen Schuld loszukommen oder mit Hilfe von "Versailles" und einem vagen "Geschichtsgefühl" sie wenigstens ein bißchen leichter zu machen. Der sich dabei immer weiter verrannte und in seinem letzten Roman "Tod eines Kritikers" schließlich unverhohlen antisemitische Klischees verwendete. Und sich, seit man ihm genau dies vorwarf, mehr denn je als verfolgte Unschuld sieht. Mit dem Suhrkamp Verlag, mit dem der Autor Walser fast fünfzig Jahre verbunden war, kam es daraufhin zum Zerwürfnis und zur Trennung. Doch Rowohlt nahm ihn gerne auf. "Der Augenblick der Liebe" ist das erste Buch dieser neuen Partnerschaft.

          Was ist das für ein Buch? Und was ist der "Don Juan" für ein Buch? Geht es wirklich nur um alte Kämpfe? In beiden Büchern?

          Es geht um alte Männer. In beiden Büchern. Männer, gepeinigt von der Einsamkeit. Der eine wohnt in Frankreich. Der andere am Bodensee. Es sind ruhelose Männer. Die Einsamkeit treibt sie voran, die Trauer und die Sehnsucht. Der eine ist verheiratet, der andere lebt allein. Der am Bodensee bekommt Besuch von einer hübschen, sehr, sehr hübschen und sehr jungen Studentin aus Amerika. Sie ist vierzig Jahre jünger als er. Er sieht sie so: "Sie war nichts als jung. Brüste, die steil hinausstachen. Steile Spitzen sah er." Der in Frankreich wird besucht von Don Juan. Und später auch von Frauen. Frauen werden am Ende gar sein Haus umzingeln. Schöne Frauen. Finster blickende Frauen. Der Einsame denkt: "Sogar ich, der, was Frauen anging, mich längst als ausgezählt ansah, dachte trotz all der Düstermienen auf der Stelle: ,Zählt mich neu dazu.' Mit diesen Frauen da war noch etwas zu erleben - Gott weiß was."

          Es sind also Erweckungsbücher. Bücher vom Ende der großen Einsamkeit. Bücher einer Rettung. Einer Rettung durch die Frauen. Der Held in Walsers neuem Roman heißt Gottlieb Zürn. Wir kennen ihn schon aus einigen alten Romanen Martin Walsers. Das Besondere an Herrn Zürn ist seine außerordentliche Durchschnittlichkeit. Er weiß es selbst: "Er ist nicht gewinnend, nicht gut aussehend, nicht reich, nicht einmal geistreich. Er ist furchtbar normal. Erschütternd durchschnittlich."

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