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: Wir plätten die Platanen

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Zwischen den beliebten und erfolgreichen niederländischen Gegenwartsautoren, die alle Jahre wieder auf die deutschen Büchertische kommen, ist noch Platz für einen kleinen Klassiker der Moderne. Albert Alberts (1911 bis 1995), der seinen Vornamen meist abkürzte, promovierte über Kolonialpolitik und kam 1939 als Regierungsbeamter nach Java, das damals zu Niederländisch-Ostindien gehörte.

          Zwischen den beliebten und erfolgreichen niederländischen Gegenwartsautoren, die alle Jahre wieder auf die deutschen Büchertische kommen, ist noch Platz für einen kleinen Klassiker der Moderne. Albert Alberts (1911 bis 1995), der seinen Vornamen meist abkürzte, promovierte über Kolonialpolitik und kam 1939 als Regierungsbeamter nach Java, das damals zu Niederländisch-Ostindien gehörte. Drei Jahre, von 1942 bis 1945, verbrachte er dann in den Lagern der japanischen Besatzer. 1946 kehrte er in die Niederlande zurück, wo er unter anderem als Redakteur arbeitete. 1952 erschien sein Debüt "Die Inseln", ein schmales, aber epochemachendes Buch, in dem er seine kolonialen Erfahrungen verarbeitete. Jetzt ist der Erzählzyklus in der zuverlässigen Übersetzung von Waltraud Hüsmert auf deutsch zu lesen.

          "Grün", die erste und längste der elf Geschichten, schildert die Ankunft des Ich-Erzählers in der Fremde: Die Palmen und der Strand sind postkartenreif, aber der weiße Sand wird immer dreckiger und unansehnlicher, je näher man kommt. Das letzte Stück wird der Kolonialbeamte vom kleinen Empfangskomitee durchs flache Wasser getragen: "Der Tragsessel ist ein ausgedienter, abgewetzter Schreibtischstuhl, auf zwei Bambuspfähle genagelt, mit einem Loch in der geflochtenen Sitzfläche." Im folgenden werden die oft merkwürdig anmutenden Rituale des kolonialen Alltags beschrieben - und die Verstörung in den wuchernden Tropenwäldern, wie sie vor allem die an leere Landschaften und weite Himmel gewöhnten Niederländer befallen haben mag.

          Wozu ist man eigentlich hier? Bei Alberts ist der Imperialismus zaghaft geworden. Eine weiche, traurige Gemütsverfassung kennzeichnet seine Sendboten des niederländischen Weltreichs; exzentrische Europäer, denen am anderen Ende der Welt die bürgerliche Normalität abhanden kommt, Melancholie am Äquator. Immerhin, der Kolonialbeamte beschließt, ein paar Siedlungen anzulegen. Aber wie macht man das? Nun, man gibt einfach den Befehl, weiß Peereboom, sein Nachbar und Landsmann, der hundert Kilometer entfernt wohnt und sich bereits dem Genever ergeben hat. Als der Erzähler eines Tages von einer Reise zurückkehrt, findet er Peereboom schon in seinem Haus vor - erhängt am Lampenhaken.

          Man mag einwenden, dergleichen, inklusive des selbstmörderischen Tropenkollers, gehöre zum geläufigen Repertoire der Kolonialliteratur; man ist wieder einmal im Herzen der Finsternis angekommen. Es läßt sich an Kipling oder Conrad denken oder an jene hundert schlichtweg unüberbietbaren Seiten, die Louis-Ferdinand Céline in "Reise ans Ende der Nacht" über den völlig sinnlosen, in Schweißnässe aufgelösten Kolonialaufenthalt Ferdinand Bardamus in "Bambola-Bragamance" geschrieben hat.

          Aber nicht groteske Übertreibung wie bei Céline, sondern Understatement und eine bewußt schlicht gehaltene Sprache sind kennzeichnend für den ganz eigenen Ton von Alberts' Geschichten. Es gibt in ihnen wenig direkte Referenzen auf geographische, politische, historische Fakten; so entsteht der Eindruck einer merkwürdig entrückten Welt. Immer wieder macht sich ein sanfter Sog ins Absurde geltend, etwa in der Geschichte des Kollegen Naman, der sich mitten im Sumpf ein einsames Haus bauen ließ, wo nun merkwürdige Dinge geschehen: feierliche, an "Dinner for one" erinnernde Abendessen mit einer nicht vorhandenen Frau. Sie versetzte den allzu höflichen Mann einst, was er offensichtlich nicht verkraftet hat ("Der Sumpf").

          Daneben gibt es handlungsstärkere, realistisch erzählte Novellen. "Die Jagd" ist die spannendste und vielleicht auch beste Erzählung des Bandes. Ein entlassener Offizier sammelt ein paar Freiwillige um sich, zettelt eine kleine Rebellion an und brennt mehrere Dörfer nieder. Der Kolonialbeamte wird beauftragt, die Ordnung wiederherzustellen. Während er mit einer Gruppe bewaffneter Männer die Spur des Bandenführers aufnimmt, gehen ihm Jugenderinnerungen durch den Kopf - an die erste Wildschwein-Treibjagd, die er in der Heimat mitmachte, voller Mitleid für das gehetzte Tier, das er damals entkommen ließ. Das aktuelle Geschehen und die Erinnerungen vermischen sich, bis der Erzähler, von seiner eigenen Tötungsbereitschaft überrascht, dem Rebellen mitten ins "niederträchtige, schmutzige Gesicht" schießt.

          Thema und Erzählweise erinnern hier an Hemingway, mit dessen Kunst des Ungesagten Alberts es durchaus aufnehmen kann. Das gilt auch für die Geschichte "Die unbekannte Insel", die vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs spielt: Eine Gruppe amerikanischer Soldaten muß mit ihrem Flugzeug auf einer Insel notlanden, die auf ihren Karten nicht verzeichnet ist. Es gibt dort zwar Eingeborene, aber nicht ein einziges Wort, mit dem man sich verständigen könnte. Unter ganzem Einsatz ihrer pantomimischen Phantasie gelangen die Männer an Wasser, Nahrung und schließlich sogar ein uraltes Kurbeltelefon, mit dem sie Hilfe herbeirufen können. Was hier paradigmatisch vergegenwärtigt wird, bestimmt auch die anderen Erzählungen: die Konstellation der Befremdung.

          Alberts' subtiler Humor bewährt sich vor allem in "Der König ist tot". Mijnheer Salomon kommt einmal im Monat ins Büro, um sich seine Pension abzuholen. Der ehemalige Feldwebel und Kapellmeister kehrte nach Beendigung seiner Dienstjahre nicht ins heimische Europa zurück, sondern blieb im Dorf, wo er bald "König" wurde. Jetzt ist er zweiundachtzig und seine Gesundheit schwer angeschlagen; immer wieder erkrankt er, um dann doch noch einmal zu genesen. Die Kapelle probt bereits regelmäßig den Trauermarsch für seine dann ebenso regelmäßig wieder verschobene Beerdigung. "Etwas Unheimliches war in dieser verwehten Musik, etwas Gespenstisches. So dachte ich, wird hier in ein paar hundert Jahren jemand stehen und diese Musik hören und wissen, daß sie von Geistern gespielt wird." Soviel Zeit ist noch nicht vergangen, aber die Beschreibung trifft gut auch auf die feine Gespenstermusik dieser Erzählungen zu.

          WOLFGANG SCHNEIDER.

          A. Alberts: "Die Inseln". Aus dem Niederländischen übersetzt von Waltraud Hüsmert. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003. 153 S., geb, 17,90 [Euro].

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