https://www.faz.net/-gr3-o6cn

: Wir plätten die Platanen

  • Aktualisiert am

Aber nicht groteske Übertreibung wie bei Céline, sondern Understatement und eine bewußt schlicht gehaltene Sprache sind kennzeichnend für den ganz eigenen Ton von Alberts' Geschichten. Es gibt in ihnen wenig direkte Referenzen auf geographische, politische, historische Fakten; so entsteht der Eindruck einer merkwürdig entrückten Welt. Immer wieder macht sich ein sanfter Sog ins Absurde geltend, etwa in der Geschichte des Kollegen Naman, der sich mitten im Sumpf ein einsames Haus bauen ließ, wo nun merkwürdige Dinge geschehen: feierliche, an "Dinner for one" erinnernde Abendessen mit einer nicht vorhandenen Frau. Sie versetzte den allzu höflichen Mann einst, was er offensichtlich nicht verkraftet hat ("Der Sumpf").

Daneben gibt es handlungsstärkere, realistisch erzählte Novellen. "Die Jagd" ist die spannendste und vielleicht auch beste Erzählung des Bandes. Ein entlassener Offizier sammelt ein paar Freiwillige um sich, zettelt eine kleine Rebellion an und brennt mehrere Dörfer nieder. Der Kolonialbeamte wird beauftragt, die Ordnung wiederherzustellen. Während er mit einer Gruppe bewaffneter Männer die Spur des Bandenführers aufnimmt, gehen ihm Jugenderinnerungen durch den Kopf - an die erste Wildschwein-Treibjagd, die er in der Heimat mitmachte, voller Mitleid für das gehetzte Tier, das er damals entkommen ließ. Das aktuelle Geschehen und die Erinnerungen vermischen sich, bis der Erzähler, von seiner eigenen Tötungsbereitschaft überrascht, dem Rebellen mitten ins "niederträchtige, schmutzige Gesicht" schießt.

Thema und Erzählweise erinnern hier an Hemingway, mit dessen Kunst des Ungesagten Alberts es durchaus aufnehmen kann. Das gilt auch für die Geschichte "Die unbekannte Insel", die vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs spielt: Eine Gruppe amerikanischer Soldaten muß mit ihrem Flugzeug auf einer Insel notlanden, die auf ihren Karten nicht verzeichnet ist. Es gibt dort zwar Eingeborene, aber nicht ein einziges Wort, mit dem man sich verständigen könnte. Unter ganzem Einsatz ihrer pantomimischen Phantasie gelangen die Männer an Wasser, Nahrung und schließlich sogar ein uraltes Kurbeltelefon, mit dem sie Hilfe herbeirufen können. Was hier paradigmatisch vergegenwärtigt wird, bestimmt auch die anderen Erzählungen: die Konstellation der Befremdung.

Alberts' subtiler Humor bewährt sich vor allem in "Der König ist tot". Mijnheer Salomon kommt einmal im Monat ins Büro, um sich seine Pension abzuholen. Der ehemalige Feldwebel und Kapellmeister kehrte nach Beendigung seiner Dienstjahre nicht ins heimische Europa zurück, sondern blieb im Dorf, wo er bald "König" wurde. Jetzt ist er zweiundachtzig und seine Gesundheit schwer angeschlagen; immer wieder erkrankt er, um dann doch noch einmal zu genesen. Die Kapelle probt bereits regelmäßig den Trauermarsch für seine dann ebenso regelmäßig wieder verschobene Beerdigung. "Etwas Unheimliches war in dieser verwehten Musik, etwas Gespenstisches. So dachte ich, wird hier in ein paar hundert Jahren jemand stehen und diese Musik hören und wissen, daß sie von Geistern gespielt wird." Soviel Zeit ist noch nicht vergangen, aber die Beschreibung trifft gut auch auf die feine Gespenstermusik dieser Erzählungen zu.

WOLFGANG SCHNEIDER.

A. Alberts: "Die Inseln". Aus dem Niederländischen übersetzt von Waltraud Hüsmert. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003. 153 S., geb, 17,90 [Euro].

Weitere Themen

Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

Topmeldungen

Bundesfinanzminister Olaf Scholz

Nach Vorstoß von Söder : Scholz prüft Verbot von Negativzinsen

Nach dem Vorstoß aus Bayern will nun der Bundesfinanzminister die rechtliche Grundlage von Strafzinsen überprüfen lassen. Diese seien eine „echte Belastung für private Sparer“. Er fordert die Banken auf, auch ohne Verbot darauf zu verzichten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.