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William T. Vollmanns Amerikareise : Cowboys kennen keine Kreditkarte

Bild: Suhrkamp

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo: William T. Vollmann hört Amerika singen, im Geräusch der Gleise, dem Zischen der Bremsen, dem Summen der Dieselloks und noch in der Anti-Poesie der Graffiti. Er begibt sich auf die Suche nach einem Mythos und findet doch nur sich selbst.

          Es gibt diese Postkarten, die man nur ein wenig schräg halten muss, damit aus Sommer Winter und aus der Wüste ein Meer wird. Der Hobo wäre ein gutes Sujet für eine solche Ansichtskarte. In den Songs von Woody Guthrie oder Bob Dylan ist er ein wanderlustiger, romantisch-trauriger Abenteurer, der auf Güterzügen quer über den Kontinent reist, und auf den Fotos aus der Zeit der großen Depression wird er zum abgerissenen Wanderarbeiter und Obdachlosen, nicht on the road, aber on the rails. Der Hobo ist ein Mann für den Blues, ein amerikanischer Archetyp, und deshalb heißt William T. Vollmanns Buch im Deutschen auch „Hobo Blues“ (und im amerikanischen Original „Riding Toward Everywhere“).

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Vollmann hat man in Deutschland bisher nur schemenhaft wahrgenommen, wie einen vorbeifahrenden Zug. Er hat mehr als ein Dutzend Bücher geschrieben, in denen oft Journalismus und Fiktion ineinanderfließen und mit den Anführungszeichen die Grenzen zwischen Protokolliertem und Erfundenem verschwinden, mehrere Erzählbände, umfangreiche Romane sowie eine dreitausendseitige Studie über Gewalt. Auf Deutsch erschienen bislang nur ein Reisebericht aus der Zeit des Afghanistan-Kriegs Anfang der achtziger Jahre sowie der kleine, fast reportagehafte Roman „Huren für Gloria“.

          Wenn Amerika singt

          Vollmann, der in diesem Jahr fünfzig wird, hört Amerika singen, im Geräusch der Gleise, dem Zischen der Bremsen, dem Summen der Dieselloks und noch in der Anti-Poesie der Graffiti. Er hat keine Kreditkarte, kein Mobiltelefon und ist gesundheitlich nicht auf der Höhe, nach einem Beckenbruch und ein paar kleinen Schlaganfällen, die seinen Gleichgewichtssinn beschädigt haben. Er reist über die Jahre hin und her, ohne Ziel, einfach nur raus, immer wieder, von Kalifornien nach Montana, nach Idaho und Utah. Das ist wie eine Sucht, zumindest ist es als solche stilisiert, und wenn es einen Sinn darin gibt, dann liegt er im zivilen Ungehorsam, im Verstoß gegen Verbote und Regeln. Vollmann ist stolz darauf, dass seine Übertretungen niemandem schaden, „und ich erstarke in Teilen meiner Persönlichkeit“.

          Vollmann ist schon immer in der Welt umhergereist, er war in Afghanistan, in Bosnien, in Kongo und im Irak, und es gibt bei ihm – gerade weil er auch sehr belesen ist und das auch gern in den endlosen Fußnoten seiner Bücher ausbreitet – einen unbändigen Wunsch nach Authentizität. Dass man sich über kaum etwas leichter täuschen kann als über das Authentische, braucht man einem Autor wie ihm nicht zu sagen. Er stellt sich selbst in Frage, er nimmt die Einwände, die man formulieren könnte („es ist nicht viel, was dieses Buch auf den Punkt zu bringen hat“), schon vorweg, er ironisiert die eigenen Obsessionen – um sie heimlich wieder hineinzuschmuggeln, weil er offenbar annimmt, je ostentativer er mit sich ins Gericht geht, desto eher entstünde aus all den reflexiven Brechungen und Vermittlungsschritten am Ende doch so etwas wie eine neue Unmittelbarkeit.

          Trittbrettfahrer der Pioniere

          Vollmann sucht ein Amerika, das es nicht mehr gibt, „Cold Mountain“ nennt er seinen Sehnsuchtsort. Er denkt an Hemingway, an „Das letzte gute Land“, an eine Reise ins Gestern, das er sich zugleich insgeheim als ein Morgen wünscht: „Wenn ich auf Achse gehe, will ich nicht einfach irgendwohin fahren; ich will überallhin fahren.“ Aber auch Hobos sind mittlerweile eine aussterbende Art, so wie die Eisenbahn nicht mehr zur Ikonographie Amerikas gehört; sie sind Obdachlose ohne alles Kerouac-Pathos, und selbst der Hobo der Mythologie war ja immer schon ein Trittbrettfahrer des Pioniers, weil er auf den Gleisen fuhr, mit denen der Westen längst erschlossen worden war.

          Vollmann hat den wenigen Hobos, die er unterwegs noch getroffen hat, Geld für ihre Geschichten bezahlt, aber man hat nie so recht das Gefühl, dass ihn diese Geschichten sonderlich interessierten. Nicht einmal über Steve, mit dem er reist und den er als den „Helden“ des Buches bezeichnet, erfährt man Näheres. Alles, was unterwegs geschieht, ist nur Material für Vollmanns Idiosynkrasien. Sonnenaufgänge, die wogende Prärie, ein lohfarbener Kojote, der ihn anschaut, sorgen für ein wenig Naturlyrik, die ab und an einen guten Sound entwickelt, um dann böse abzustürzen, wenn Vollmann, um nur eines von vielen Beispielen zu nehmen, das Glück „so kristallklar wie der Urin einer jungen Vegetarierin“ erscheint. So dienen die Techniken der Reportage meist nur der angestrengten Nabelschau. Wo eine gute Reportage ein Fenster zur Welt öffnet, hat der „Hobo Blues“ nur einen einzigen Refrain: „Wer bin ich?“

          Klarheit der Fotografien

          Immerhin ist der Leser Vollmann versierter als der Trainhopper. Wenn er durch die Welten von Mark Twain und Jack London, von Hemingway und Kerouac reist, ist da nicht dieses unangenehme Flair von wohlmeinendem Elendstourismus. Da kennt Vollmann sich aus, da spürt er verwandte Schwingungen auf, und da ahnt man auch, warum er so oft als großer Stilist gerühmt wird. Irgendwann jedoch fühlt man sich bei der Lektüre, als sei man nach endlosem Rangieren nicht abgefahren, sondern auf dem Abstellgleis gelandet.

          Man muss es leider so drastisch sagen: Mit der Klarheit und Einfachheit, mit der Atmosphäre, welche in den zahlreichen Fotografien des Buches liegt, kann Vollmanns Prosa nicht mithalten. Sie ist fahrig, oft redundant und sprunghaft, ohne dass sich aus diesen Sprüngen ein eigener Rhythmus ergäbe, welcher die Reiserouten eines Hobos nachbildete – es fehlen ihr Konzentration und Aufmerksamkeit, welche diese Form des Umherreisens in den entscheidenden Momenten verlangt.

          Bush als Pappkamerad

          Ein paar Invektiven gegen den „Folterpräsidenten“ Bush gibt es zwischendurch auch noch und Tiraden gegen die Sicherheitskontrollen auf Flughäfen, die Vollmann als persönliche Beleidigungen nimmt, und schließlich hat er auch noch den Verlust seines orangefarbenen Eimers zu beklagen, in dem er unterwegs seine Notdurft verrichten wollte.

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