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Wilhelm von Sternburg: Joseph Roth : Helden des Scheiterns

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Bild: Kiepenheuer und Witsch

Er hinterließ Helden des Scheiterns: Vor siebzig Jahren starb Joseph Roth. Wilhelm von Sternburg legt nun eine Biographie vor, die die Entstehungsbedingungen seines Werks nachzeichnet.

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          Die Beerdigung im Mai 1939 soll nicht ohne Spannungen verlaufen sein: Katholische Christen, jüdische Emigranten, Sozialdemokraten, Kommunisten, Liberale und österreichische Legitimisten beanspruchten den Toten für ihre jeweilige Partei und schreckten dabei wohl auch vor Rangeleien nicht zurück.

          Doch der im Alter von vierundvierzig Jahren im Pariser Armenspital Verstorbene stellte sie alle vor die Herausforderung, sich nie eindeutig und nachhaltig zu ihren jeweiligen Weltbildern bekannt zu haben: Joseph Roth zeichnete sich dadurch aus, dass er zu vielen Strömungen und Glaubensgerüsten erfahrungsgesättigte Mitteilungen hinterlassen hat, dass er aus ihnen aber kaum einmal längerfristige Maximen für das eigene Handeln ableitete.

          Ein teilnehmender Außenseiter

          So hat Roth zwar zeit seines Lebens nie ein Gefühl von Zugehörigkeit entwickelt, ist dadurch aber paradoxerweise zu einem der erhellendsten Zeitgenossen der zwanziger und dreißiger Jahre geworden. Die Rolle des partizipierenden Außenseiters gehört zu den konstitutiven Elementen seiner unsteten, vom Exil geprägten Vita und seines literarischen Werks. Die Biographie, die Wilhelm von Sternburg zu seinem siebzigsten Todestag vorgelegt hat, macht das noch einmal deutlich: Heimat erwies sich für den Sohn einer jüdischen Familie aus Galizien als eine unerreichbare Idee. Identität wurde zu einer bürokratischen Überlebensfrage. Der österreichische Pass, den er als junger Mann erhält, beweist ihm nur, dass er „irgendein Ich“, ein „Staatsbürger“ sei. Er bleibt, wie er es in seinem großen Essay von 1927 zu einer Art Schicksal erhob, einer der vielen „Juden auf Wanderschaft“.

          Aus nächster Anschauung erlebte Roth den Streit der Nationalitäten im Vielvölkerstaat einerseits und die Spannungen zwischen den Strömungen innerhalb des Judentums andererseits. Hinzu kam der sich verschärfende Antisemitismus, dem er spätestens als Student auf den Straßen Lembergs und Wiens begegnete. „Ich gehe in die Bibliothek. Dort prügelt man sich noch nicht“ – in solchen Sätzen spiegelt sich das Selbstbild des jungen Roth wider, der zunächst den Kämpfen seiner Zeit hinter den Mauern der Wissenschaft zu entgehen versuchte.

          Aggression und Fatalismus

          Das erwies sich als ebenso illusionär wie manche Strategie der Assimilation. Der Versuch, sich als Student der Germanistik im intellektuellen Wien einen Platz zu verschaffen, scheitert, obwohl Roth sich vorübergehend sogar auf deutschnationale Töne einlässt. Das immer wieder durchexerzierte Wechselspiel von Anpassung und Distanz steigerte sich gegen Ende seines Lebens zu einer Mischung aus Aggression und Fatalismus, verstärkt durch den tödlichen Alkoholismus. Als „böse, besoffen, aber gescheit“ bezeichnet er sich in einer späten Porträtskizze. Dass er sich 1938 beim österreichischen Kanzler (erfolglos) anmelden ließ, um ihn davon zu überzeugen, zum Wohle des Volkes die Regierung an Otto von Habsburg abgeben zu müssen, illustriert seine zunehmende, von den Legitimisten ausgenutzte Orientierungslosigkeit. Als Epizentrum der – literarisch überaus fruchtbaren – Verunsicherungen erweist sich im biographischen Überblick der Tod des Kaisers Franz Joseph 1916: „Weil der Tod des Kaisers meiner Kindheit genauso wie dem Vaterland ein Ende gemacht hatte, betrauerte ich den Kaiser und das Vaterland wie meine Kindheit“, notiert Roth. Der habsburgische Mythos wird zur nostalgischen Utopie.

          Die epochale Erschütterung und den Verlust der Einheit kompensiert Roth mit dichterischen Monumenten: „Radetzkymarsch“ und „Kapuzinergruft“ sind die beiden Romane, die den empfundenen Niedergang am eindrücklichsten analysieren und versinnbildlichen. Dabei fällt auf, wie das literarische Werk des Moderne-Skeptikers ganz bewusst noch Einheit und Ordnung beansprucht. Anders als die Vertreter der Avantgarde, die zeitgleich mit Formexperimenten und Manifesten auftraten, findet bei Roth der bürgerliche Kanon des neunzehnten Jahrhunderts seinen Nachhall.

          Radikalkritik an der Gegenwart

          Das sicherte ihm in der Nachkriegszeit eine anhaltend starke Rezeption: Heinrich Böll lobte Roth als „schöpferischen Bewahrer“ der deutschen Prosa, und Reinhard Baumgart schwärmte, dass der Leser hier „noch treu an der Hand genommen“ werde. Wie modern Roth zugleich war, zeigen Romane wie „Hotel Savoy“ oder „Hiob“, die geradezu existentialistische Bilder für die Situation der Zwischenkriegszeit vermitteln. Es ist seine Radikalkritik an der Gegenwart, die ihn als Romancier der Moderne auszeichnet, wenn er beispielsweise zwischen kulturellem und moralischem Fortschritt fein unterscheidet: „Man kann das Radio erfunden haben, das Kino – und dennoch ein Schuft sein.“

          Seine gleichzeitige Begabung zu Spott und Mitgefühl bestimmt den Erfolg als Feuilletonist. Zunächst in Wien, dann in Berlin gehörte Roth zu den bis heute lesenswerten Journalisten der zwanziger Jahre. Der Biograph Wilhelm von Sternburg richtet auf diese Jahre sein Hauptaugenmerk: In den Briefwechseln mit Kollegen und Förderern und in seinen zahlreichen Reiseberichten wird das liberale und kosmopolitische Profil Roths ebenso deutlich wie sein soziologischer Blick auf den Alltag hinter den Fassaden.

          Wie entsteht Literatur?

          Wer sich bisher umfassend über die biographischen Rahmenbedingungen des Œuvres von Joseph Roth informieren wollte, der war vor allem auf die Erinnerungen von Roths galizischem Freund und Weggenossen Soma Morgenstern angewiesen sowie David Bronsons Darstellung aus den siebziger Jahren. Wilhelm von Sternburg, der unter anderem bereits Biographien zu Remarque, Arnold Zweig, Feuchtwanger und Ossietzky vorgelegt hat, hat nun mit einer nicht unproblematischen Routine noch einmal eine Fülle von Zitaten und Daten gesammelt und sie in einen großen historischen Zusammenhang gestellt, die dem Leser die Bedingtheit von Literatur bis ins Geographische hinein aufschlussreich vor Augen führt.

          Die Einzigartigkeit des Stilisten Roth, die Sogkraft seiner Romane und die intellektuelle Lebendigkeit seiner Essays gehen in diesem Netzwerk von Informationen und zwischen den oft allzu wohlfeilen Hilfestellungen allerdings leicht unter. Der Hinweis, dass auch Heinrich von Kleist materielle Nöte kannte, ist da ebenso überflüssig wie die allgemeinen Erläuterungen zur narzisstischen Struktur von Zeitungsredaktionen. Wichtiger ist seine Empfehlung, den ganzen Roth wiederzuentdecken: Er hat ein Universum von Helden des Scheiterns hinterlassen.

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