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Wilhelm Klemm: Gesammelte Verse : O Herr, vereinfache meine Worte, lass Kürze mein Geheimnis sein

  • -Aktualisiert am

Bild: Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung

Verse mit tausend Füßen und tausend Köpfen: Eine bibliophile Gesamtausgabe mit 601 Gedichten aus sechs Jahrzehnten lädt zur Wiederentdeckung des Lyrikers Wilhelm Klemm ein.

          In der expressionistischen „Menschheitsdämmerung“ war der Dichter Wilhelm Klemm (1881 bis 1968) häufiger vertreten als Benn, Heym und Trakl. Er hatte Umgang mit Hofmannsthal, Carl Einstein und Kurt Schwitters, publizierte im „Simplizissimus“ oder der „Aktion“. Doch selbst acht eigenständige Gedichtbände bis 1922 bewahrten ihn nicht vor dem Vergessen. Das ging so weit, dass Nachschlagewerke ihn vor Hanns-Josef Ortheils Monographie (1979) fälschlich für verschollen hielten und eine von Klemm ausführlich beschriebene Begegnung mit Benn 1942 in Benns Briefwechsel mit Oelze (1976) praktisch unkommentiert blieb. Die seit Lichtenbergs Zeit bestehende Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, die Klemm 1927 als Geschäftsführer des Kröner Verlags erwarb, will das jetzt mit einer Prachtausgabe zu Klemms 45. Todestag ändern.

          Dieses Buch, versehen mit einem sorgfältigen Nachwort, ist ein wahres Kleinod: Es enthält 601 Gedichte Klemms aus sechs Jahrzehnten (1908 bis 1968), einige sogar mehrfach, da die neun publizierten Bände in chronologischer Folge originalgetreu wiedergegeben werden. Die Ausstattung in vierhundert numerierten Exemplaren ist ein Fest für Bibliophile - geprägter Leineneinband, 83 teils farbige Graphiken und Vignetten des Dichters, handmarmoriertes Vorsatzpapier. Diese Gediegenheit passt zum erlesenen Inhalt. Den Auftakt bilden die Gedichte aus der „Menschheitsdämmerung“, die Klemms einstigen Ruhm begründen. Kurt Pinthus, der noch 1961 eine Neuauflage des Bandes „Aufforderung“ (1917) mit einem - hier leider nicht wiedergegebenen - Nachwort versah, nahm sie von dem allzu Scheuen gerne auf. „Meine Zeit“, das einzige Sonett des Bandes, steht am Beginn: „namenlos zerrissen“ und „daseinsarm im Wissen“ nennt Klemm hier seine Zeit, der er doch so weit voraus war. Als er vier Jahrzehnte später in den Gedichten „Der Alte“ und „Heute“ auf sein Leben - „eine dauernde Erziehung“ - zurückblickte, hatte sich frühes Befremden in bewundernswerte Gelassenheit verwandelt: Gegen „das bisschen Sterben“ verordnet der promovierte Arzt „Ruhe“ und nennt die lange Jugend und das kurze Alter „tröstlich“.

          Gedichte über das Dichten

          Wie für alle seiner Generation war Klemms lange Jugend alles andere als leicht. Einen Namen machte er sich durch „Gloria, Kriegsgedichte aus dem Feld“ (1915). Kaum zufällig stammt das einzige Gedicht, das Aufnahme in die „Frankfurter Anthologie“ fand, aus dieser Sammlung: „An der Front“, gedeutet von Ernst Jandl, dem diese vier Strophen 1941 als Wiener Gymnasiasten verständliche Angst einjagten. Denn Klemms Texte sind Antikriegslyrik. Wie die Dichterärzte Gottfried Benn, Hans Carossa oder Alfred Döblin diente er als Militärarzt und beschrieb wie sie das Elend des Krieges. „Es stinkt nach Blut, Unrat, Kot und Schweiß“, heißt es im ersten Gedicht, „Lazarett“. Im Jahr darauf steht dieser Titel nochmals über elf Terzetten, die in größter Drastik die Wirklichkeit von eiternden Schusswunden, herausklaffenden Eingeweiden, Amputationen, vom Wimmern und Schreien beleuchten. Am Ende steht Ernüchterung: „Soldatengrab - zwei Latten über Kreuz gebunden“. Benns „Morgue“-Zyklus oder Georg Heyms Erzählung „Der kleine Jonathan“ erhalten hier neue Gesellschaft, auch wenn diese kurz vor dem Krieg entstanden.

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