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: Wie Howard einmal kein gutes Ende nahm

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Wenn es zwei oder mehrere Arten gibt, etwas zu erledigen, und eine davon in einer Katastrophe enden kann, so wird jemand gerade diese Art wählen. Die junge englische Autorin Zadie Smith hat auf der Erfahrungsmaxime von Murphys Gesetz einen Roman aufgebaut, und das Wundersame ist, daß darin zwar für ...

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          Wenn es zwei oder mehrere Arten gibt, etwas zu erledigen, und eine davon in einer Katastrophe enden kann, so wird jemand gerade diese Art wählen. Die junge englische Autorin Zadie Smith hat auf der Erfahrungsmaxime von Murphys Gesetz einen Roman aufgebaut, und das Wundersame ist, daß darin zwar für die fünf Mitglieder der Familie Belsey vieles schiefgeht, aber das Buch, das von ihren Enttäuschungen und Entgleisungen erzählt, überaus gelungen ist.

          "Von der Schönheit" ist eine tiefe Verneigung mit anschließender koketter Pirouette vor E. M. Forster, dessen "Wiedersehen in Howards End" Zadie Smith mal ausdrücklich, mal spielerisch aufgreift, vom ersten Satz über die Konstellation zweier grundverschiedener Familien bis hin zu den Liebschaften, Bündnissen und Verwicklungen, die sie untereinander eingehen. Der spätviktorianische Bloomsburyianer Forster, dem es in seinem Werk, ob in Romanen wie "A Passage to India" (1924) oder in seinen literaturkritischen Schriften, stets darum zu tun war, Hürden zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Einstellung und Lebensart zu überwinden, ist Zadie Smiths Hausgott; doch vor der altmodisch-umständlichen Diktion, die diesen bisweilen befiel, bewahrt sie ihr erzählerisches Temperament. Ganz wie er jedoch schwelgt sie in der Unberechenbarkeit der Charaktere, die sie durch die panoramatisch angelegte Erzählweise aus deren unterschiedlichen Perspektiven noch zu unterstreichen weiß.

          Die Belseys nämlich sind eine liberale, unkonventionelle, bunte Familie. Howard, weißer Metzgerssohn aus England, und seine afroamerikanische Frau Kiki sind geprägt vom Geist der späten sechziger Jahre, als Kiki für Malcolm X schwärmte und für Howard Rebellion nicht nur eine intellektuelle, sondern eine lebenspraktische Herausforderung war. Inzwischen haben sie sich im akademisch gehobenen Mittelklassemilieu des angesehenen Ostküstencolleges Wellington behaglich eingerichtet. Kiki, aufgrund ihres resoluten Naturells und ihrer im Laufe der Jahre auf 250 Pfund angeschwollenen Statur geerdet, arbeitet in der Krankenhausverwaltung; Howard, linkisch, dogmatisch und weltfremd, brütet neben seiner Lehrtätigkeit bereits Jahre über einem poststrukturalistischen Werk zu Rembrandt, einem Künstler, den er eigentlich nicht ausstehen kann. Die Kinder Jerome, Zora und Levi hat das Paar zur Selbständigkeit erzogen, indem es ihnen einfach keine andere Wahl ließ, als zu sehen, wo sie bleiben: erst das Individuum, dann die Gemeinschaft.

          Das von Howard leidenschaftlich verabscheute Gegenmodell zu seiner eigenen, lässig multikulturellen amerikanischen Familie sind die durch und durch schwarzen, britischen, christlich gesinnten und konservativ denkenden Kipps, genauer: Sir Monty Kipps, sein Erzrivale. Das Unheil - und damit der Roman - nimmt seinen Lauf, als sich der rührend ernsthafte Jerome bei einem England-Aufenthalt erst in das behütete Familienleben der Kipps und dann in die kesse Tochter Victoria verliebt. Kaum daß er, seiner Unschuld und seiner romantischen Illusionen beraubt, zurück nach Hause kommt, tragen seine Eltern nach dreißig Jahren die erste Ehekrise aus, sorgt seine angriffslustige Schwester Zora auf dem College für Furore, wo sie ausgerechnet das Creative-Writing-Seminar der Ex-Geliebten ihres Vaters belegt hat, und der Bruder Levi hat sich aus seiner hormonellen Gleichgültigkeit gerissen, um mit fragwürdigen Mitteln für die aus Haiti stammenden Landsleute Rechte einzufordern. Das alles wäre für Howard, der seine akademischen Lehrsätze längst auch daheim in Form von oberlehrerhafter Geschmacksdominanz auslebt, womöglich noch zu bewältigen, hätte er als neuen Kollegen in Wellington nicht ausgerechnet soeben seinen Widersacher Monty Kipps vor die Nase gesetzt bekommen. Sir Monty, der im maßgeschneiderten Dreiteiler seine Wurzeln aus Trinidad ganz unakademisch glamourös verbrämt und der von Affirmative Action sowenig hält wie von Howards kunsthistorischen Ansichten, bringt diesen zur Weißglut. Als die an der Untreue ihres Mannes leidende Kiki sich auch noch mit Montys Frau Carlene anfreundet, Howard selbst sich wider Instinkt und besseres Wissen von Montys rabiat-erotischer Tochter Victoria (jawohl, dieselbe, die schon seinen Sohn Jerome auf dem Gewissen hat) verführen läßt und die Familien Belsey und Kipps schließlich über eine Erbschaft und einen jungen Rap-Poeten namens Carl erneut heftig aneinandergeraten, ganz zu schweigen von einem universitären Showdown zwischen Howard und Monty - da ist das Ende, das Howard nehmen wird, vorgezeichnet.

          Gekonnt mischt Zadie Smith Milieus, Hautfarben und Ansichten, bedient sich der Genre des Campus-, des Gesellschafts- und des Bildungsromans; doch was herauskommt, ist nicht nur ein süffiges, zeitgemäß multikulturelles Potpourri der sich reibenden und mischenden Kulturen, sondern ein ebenso anspruchsvoller, geistreicher wie über weiteste Strecken unterhaltsamer Roman, der eine breite Brücke schlägt zwischen Großbritannien und Amerika. Das betrifft die Schilderungen der jeweiligen Mentalitäten und Lebensweisen ebenso wie den unterschiedlich nuancierten Gebrauch des Englischen. Stilistisch äußert sich das in einer rasanten Mischung aus E. M. Forster und Philip Roth, David Lodge und Tom Wolfe. Hat Zadie Smith von den Engländern die Lust an der weitschweifigen Beschreibung (die indes gelegentlich mit ihr durchgeht), so hat ihr der amerikanische Kanon die nötige Unverfrorenheit dafür mitgegeben und den wachen Sinn für die Empfindlichkeiten von Minderheiten und Außenseitern.

          Wenn sie die Ehe von Howard und Kiki aus der Sicht einer Bekannten schildert, klingt das dann so: "Es war eine Verbindung, die sich kaum definieren ließ. Er war ein Büchermensch, sie nicht. Sie nannte eine Rose eine Rose. Er nannte es eine Ansammlung kultureller und biologischer Konstrukte im Spannungsfeld zwischen Natur und Kunst." Doch der humorvolle Ton kann und soll nicht darüber hinwegtäuschen, daß die kleinen, zum Mitleiden einladenden Dramen, die die Belseys erleben, tief empfunden und als solche bei aller Komik nie läppisch sind. Und obschon sich im Deutschen nicht die ganze Vielfalt der Tonfälle und Slangs des englischen Originals nachahmen läßt, bietet Marcus Ingendaays Übersetzung doch einen prallen Eindruck von dem, was Zadie Smith kann.

          Nach dem gefeierten Debüt "Zähne zeigen" (2001) und dem weniger geglückten Nachfolger "Der Autogrammhändler" (2003) beweist sie mit "Von der Schönheit", daß sie keineswegs ein One-Hit-Wonder ist. Zadie Smith, dessen darf man nach Lektüre dieses Romans freudig gewiß sein, ist gekommen, um zu bleiben.

          Zadie Smith: "Von der Schönheit". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Marcus Ingendaay. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006. 517 S., geb., 22,90 [Euro].

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