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: Wie es die Alten schätzten

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Uns ist in alten maeren wunders vil geseit . . ., "In alten Geschichten wird uns viel Wunderbares erzählt" - jeder kennt die erste Strophe des Nibelungenlieds. Es ist nicht die erste Strophe. Die beginnt ganz anders: Ez wuohs in Burgonden ein vil edel magedîn . . ., "Es war einmal eine Prinzessin in Burgund .

          Uns ist in alten maeren wunders vil geseit . . ., "In alten Geschichten wird uns viel Wunderbares erzählt" - jeder kennt die erste Strophe des Nibelungenlieds. Es ist nicht die erste Strophe. Die beginnt ganz anders: Ez wuohs in Burgonden ein vil edel magedîn . . ., "Es war einmal eine Prinzessin in Burgund . . .", Kriemhild nämlich, mit deren Jugend am Hof zu Worms die Geschichte beginnt und mit deren gräßlicher Zerstückelung am Hunnenhof in Ungarn sie endet. Jene berühmte Strophe eröffnet eine Bearbeitung des Epos, die den ursprünglichen Text gründlich bereinigt hat. Sie hat die Unstimmigkeiten, mit denen er durchsetzt ist, weitgehend beseitigt und die Sprache und den Versbau geglättet. Vor allem aber sagt sie dem Hörer oder Leser ganz genau, was er von dem Geschehen zu halten hat.

          Der alte Text war da nicht festzulegen. Er zeigt im ersten Teil Siegfrieds Mörder Hagen als finsteren Bösewicht und Siegfrieds Witwe Kriemhild als verfolgte Unschuld, im zweiten Teil aber umgekehrt Kriemhild als mordende Teufelin und Hagen als den größten aller Helden, dem nicht einmal der schwer geschädigte Hunnenkönig seine Bewunderung versagt. Die Ambivalenz ist stoffgeschichtlich bedingt. Der Bearbeiter hat sie beseitigt, hat die Hagen-Figur durchgehend eingeschwärzt und die Kriemhild-Figur entsprechend aufgehellt. Er hat das aus der Sicht eines Literaten getan, der der alten mündlichen Überlieferung mit Distanz gegenübersteht. So hat er auch die neue Eingangsstrophe geschrieben, die der Kriemhild-Strophe wie ein Prolog vorangestellt ist. Sie präsentiert einen Erzähler, der ausdrücklich sagt, daß er erzählt und was das für eine Geschichte ist.

          Die Bearbeitung ist noch in den ersten Jahren des 13. Jahrhunderts entstanden, nicht lange nach der ursprünglichen Fassung und wahrscheinlich im selben Umfeld. Sie hatte Erfolg. Die große Mehrzahl der Handschriften überliefert das Epos in der Version des Bearbeiters oder in einer Fassung, die von ihr beeinflußt ist. Die wichtigste Handschrift der Bearbeitung, der Codex C, ist zugleich die älteste (annähernd) vollständig erhaltene Nibelungenlied-Handschrift überhaupt. Sie liegt der neuen zweisprachigen Ausgabe von Ursula Schulze zugrunde. Das ist nicht selbstverständlich. Es gehörte Mut dazu, denn es ist unter Germanisten üblich, die Nase über der Bearbeitung zu rümpfen. Sie gilt als Machwerk eines pedantischen Banausen. Daß die Zeitgenossen das ganz anders gesehen haben, schert die Kritiker nicht. Die neue Ausgabe gibt jedermann die Möglichkeit, das Werk so zu lesen, wie es das Mittelalter geschätzt hat. Das ist ein großes Verdienst.

          Eine weniger glückliche Hand hatte die Herausgeberin bei der Einrichtung des mittelhochdeutschen Textes, der der Übersetzung synoptisch gegenübergestellt ist. Die mittelalterlichen Schreiber kannten keinen Duden. Sie bedienten sich individueller und gewöhnlich sehr unvollkommener, inkonsequenter Schreibsysteme. Der moderne Herausgeber hat grundsätzlich zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Er kann den handschriftlichen Text zeichengetreu transkribieren, oder er kann ihn "normalisieren", das heißt in eine einheitliche Schreibform umsetzen. Die neue Ausgabe kombiniert die Nachteile beider Verfahren. Sie bietet einen Text, der halb Transkription und halb Normalisierung ist. So erhält der Leser weder einen authentischen Eindruck vom Schriftbild der Handschrift, noch bekommt er die Hilfen für die Aussprache und das Verständnis des Textes, wie sie die Normalisierung gewährt. Verborgen bleibt ihm, daß die Herausgeberin nicht wenige Fehler der Handschrift stillschweigend verbessert hat. Wenn er kein Philologe ist, wird es ihm gleichgültig sein. Aber sagen hätte sie es schon können.

          Um so erfreulicher ist die Übersetzung. Sie enthält wesentlich weniger Fehler als die bisherigen Übersetzungen ins Neuhochdeutsche. Und sie liest sich wesentlich flüssiger als alle, die derzeit auf dem Markt sind. Wenn sie nur nicht, wie es schlechter Brauch ist, mittelhochdeutsch edel so inflationär mit "edel" wiedergeben würde. Das Wort bezeichnet eine ständische Qualität, für die wir im Neuhochdeutschen "adlig" sagen, und es hat häufig gar keinen prägnanten semantischen Wert. Wenn der gefesselte Hagen die Furie Kriemhild, die ihm gleich den Kopf abschlagen wird, mit vil edeliu küneginne anredet, dann sagt er nicht "edle Königin", nicht im Ernst und nicht ironisch, sondern er gebraucht bloß die korrekte Anrede: "Königin". Aber wir wollen nicht undankbar sein. Die Übersetzung kann und wird dem Nibelungenlied neue Leser gewinnen, denen ein kluges Nachwort, eine kommentierende Inhaltsübersicht und kundige Sacherklärungen den Zugang leichtmachen.

          JOACHIM HEINZLE

          "Das Nibelungenlied". Vollständige Ausgabe. Mittelhochdeutsch - Neuhochdeutsch. Nach der Handschrift C neu übersetzt und herausgegeben von Ursula Schulze. Winkler Verlag, Düsseldorf 2005. 856 S., geb., 26,- [Euro].

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