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: Wie der überflüssige Mensch seine gültige Form fand

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"Ein Held unserer Zeit" von Michail Lermontow ist ein Meisterwerk der russischen Literatur. Peter Urbans kommentierte Neuausgabe schärft den Blick für überraschende Vorbilder.Von Martin Mosebach Die Entstehung der russischen Literatur im frühen neunzehnten Jahrhundert erscheint wie ein Wunder, vergleichbar der Entstehung der "sakral-realistischen" Ölmalerei der Brüder van Eyck.

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          "Ein Held unserer Zeit" von Michail Lermontow ist ein Meisterwerk der russischen Literatur. Peter Urbans kommentierte Neuausgabe schärft den Blick für überraschende Vorbilder.

          Von Martin Mosebach Die Entstehung der russischen Literatur im frühen neunzehnten Jahrhundert erscheint wie ein Wunder, vergleichbar der Entstehung der "sakral-realistischen" Ölmalerei der Brüder van Eyck. Wir haben uns daran gewöhnt, auch in den Angelegenheiten der Kunst in den Kategorien der Evolution zu denken, wir wollen die Künstlerstammbäume herauf- und herunterbeten können und immer das eine Phänomen schön eindeutig einem anderen entspringen sehen. Die von Alexander Puschkin glänzend begründete russische Literatur aber ist wie vom Himmel gefallen. Nach in Russland allgemein verbreiteter Überzeugung beginnt sie mit ihrem Höhepunkt. Ausländer ohne Russischkenntnisse können das freilich nur in Grenzen bestätigen, da die Schönheiten der Puschkinschen Dichtung unübertragbar sind. Aber auch für den Ausländer bleibt verblüffend, wie stark in Puschkins Werk und Leben Motive verwirklicht sind, die bis in die Gegenwart hinein für die Umstände, unter denen in Russland Literatur entstand und entsteht, bezeichnend wurden.

          Faszination des Sekundären.

          Auch der Dauerkrieg im Kaukasus gegen die Tschetschenen, der vom russischen Drang nach Konstantinopel und einem Zugang zum Mittelmeer ausgelöst wurde, beherrscht seit Puschkin das Schicksal vieler Helden der russischen Literatur. Und mit Blick auf die Oktoberrevolution erhalten die Worte aus der 1836 vollendeten "Hauptmannstochter" geradezu prophetischen Charakter: "Gott bewahre uns davor, je wieder einen russischen Aufstand zu erleben, seinen Wahnsinn und seine Erbarmungslosigkeit. Die, welche bei uns Umwälzungen planen, sind entweder zu jung und kennen das Volk nicht, oder es sind Leute mit grausamen Herzen . . ."

          Wenn man Puschkin als den Paulus der russischen Literatur bezeichnet, war Michail Lermontow vielleicht so etwas wie dessen Titus oder Timotheus. Das Leben des jüngeren Autors war aufs engste mit dem des großen Vorbildes verflochten. Beide hatten fremdländische Vorfahren: Puschkin äthiopische, Lermontow schottische. Beider Leben kannte die Stationen einer Soldatenzeit im Kaukasus, der Verbannung und des mondänen Lebens in Sankt Petersburg, beide starben durch ein Duell. Nur dass Lermontow erst sechsundzwanzig war, als er starb. Gemessen an seiner kurzen Lebenszeit, hinterließ er ein schier unbegreiflich umfangreiches Werk, das schon zu seinen Lebzeiten in seinem hohen Rang erkannt worden war.

          Peter Urban gibt dem deutschen Publikum nun Gelegenheit, sich mit der Gestalt und dem Hauptwerk Lermontows, dem kurzen Roman "Ein Held unserer Zeit", neu zu beschäftigen. Unter den leidenschaftlichen Lesern großer Literatur sind nicht wenige, die historisches Material und Kommentierungen in Form von Fußnoten nur als die Holzwolle ansehen, in die ein kostbares Kunstobjekt verpackt wird. In Urbans Ausgabe aber werden sich auch die Puristen des Primären fasziniert ins Sekundärmaterial versenken. Das Geheimnis der Entstehung der russischen Literatur - hier wird es nicht enträtselt, wie Enthüller-Schlauheit sich das erhoffen mag, sondern um noch weitere überraschende Aspekte bereichert.

          Urban zeigt in seinem Apparat, der mit einer Fülle farbiger und bedeutsamer Details gespickt ist, wie tief Lermontow im Gefolge Puschkins in der französischen und englischen Literatur des achtzehnten Jahrhunderts verwurzelt war. Staunend erfährt man, dass für diese Dichter eines romantischen russischen Volkstums Diderot- und Choderlos-de-Laclos-Lektüre zur gewichtigsten Anregung wurde. Gibt es Welten, die weiter voneinander getrennt erscheinen als die kontrolliert-zynische Großstadtliteratur der vorrevolutionären Pariser Salons und die Romane und Epen des jungen Russland von 1840, die von der Wildheit der unbezwungenen asiatischen Bergvölker und einem erdverbundenen Bauerntum schwärmen? Und doch haben die Autoren der Puschkin-Generation diese in Westeuropa längst als veraltet und unmodern empfundenen Werke des Ancien Régime nicht nur begeistert studiert, sondern auch in reichem Maße für die eigene Produktion ausgebeutet. Urban weist im "Helden unserer Zeit" eine Fülle von Anspielungen und gar Originalzitaten aus "Jacques le fataliste" und den "Liaisons dangereuses" nach, und er versichert, nur eine Auswahl zu bieten; die Reihe lasse sich unbeschränkt verlängern.

          Die offene Form von "Jacques le fataliste" mit der zur Disposition des Lesers stehenden Reihenfolge der Kapitel oder der "Tristram Shandy" des mit Diderot befreundeten Laurence Sterne haben gewiss die polyperspektivistische Technik des "Helden unserer Zeit", der aus einer Folge abgeschlossener Novellen besteht, anzuregen vermocht. Auch in Petschorin, der Hauptfigur mit der kalten Leidenschaftlichkeit eines Stendhal-Protagonisten, kann man eine dunkle Spiegelung der zynischen Großstadt-Müßiggänger der Pariser Romane erkennen. Aber das ist nur eine Assoziation. Der Typus des "überflüssigen Menschen", den Puschkin schon in "Eugen Onegin" geschildert hatte und dem Lermontow nun in Petschorin einen Bruder zur Seite stellte, hat viel düsterere Züge als die französischen Roués. Langeweile, Brutalität, Nervosität und Eleganz sind nur die Masken einer innigen Todessehnsucht; wenn das leichtfertig aufs Spiel gesetzte Leben dann doch noch gerettet werden kann, scheint das der Held eher zu bedauern.

          Vom heroischen Charakter.

          Dieser Petschorin, Sankt Petersburger Salonlöwe, der wegen dunkler Verfehlungen in das Kaukasus-Kriegsgebiet verbannt ist und dort seine Zeit mit gefährlichen Liebesabenteuern und Duell-Affären totschlägt, erscheint in immer neuen Blickwinkeln: in den Berichten anderer und im eigenen Tagebuch. Nabokov hat versucht, die richtige zeitliche Reihenfolge dieser abgeschlossenen Erzählstücke festzustellen, aber es bleiben Lücken, und es entsteht beim Lesen das Erlebnis, als forsche man einem untergetauchten Bekannten nach, der in manchen Zeugnissen näher, in anderen ferner rückt und schließlich ganz verschwindet. Der Titel "Ein Held unserer Zeit" will wohl sagen: Ein heroischer Charakter hat in der trivialen Gegenwart Lermontows nur die Chance, als Außenseiter mehr oder weniger schändlich unterzugehen - und es war sein eigenes Schicksal, das Lermontov vorwegnahm: So wie Petschorin den jungen Wirrkopf im Duell erschießt, so ist Lermontow selbst, der nur in die Luft geschossen hatte, von seinem lange und sorgfältig zielenden Feind in einem Duell aus nichtigen Gründen kaum ein Jahr nach Abschluss des Buchs regelrecht abgeknallt worden.

          Bedeutsamer als der Stoff ist die Sprache dieses jungen Dichters, der auch Goethe-Gedichte übersetzt hat. Von den französischen Enzyklopädisten hat er in die Romantik des neunzehnten Jahrhunderts den Sprachkult der Knappheit, der Klarheit, der Schnörkellosigkeit hinübergerettet. Er hat den Geschmack des achtzehnten mit den ausweglosen Leidenschaften des neunzehnten Jahrhunderts verbunden und hat in dieser schier unwahrscheinlichen Mischung im Westen ein einziges großes Gegenüber: Stendhal, der nur ein Jahr nach Lermontow starb, den der Russe aber wohl nicht gelesen hat - sonst hätte Peter Urban uns das gewiss mitgeteilt.

          Zum Phänomen jener Autoren, die wie Lermontow darauf verzichten, ihre Sprache manieristisch zu stilisieren und gegenüber dem häufigen Schriftstellerwunsch, durch die Sprache ein Zeugnis der eigenen Individualität abzulegen, gleichgültig zu sein scheinen, hat Jorge Borges eine hilfreiche Kategorie vorgeschlagen: Er spricht von den Autoren, die "innerhalb der gemeinsamen Sprache einen winzigen, eitlen Dialekt ausgefeilt haben", und grenzt sie gegen die "generischen" Schriftsteller ab, deren Stil kollektiver oder anonymer Natur sei und der einen höheren moralischen Rang besitze - und sofort wird bei aller Verwandtschaft der Unterschied zwischen Stendhal und Lermontow sichtbar: "Generischer" Schriftsteller ist Stendhal gewiss nicht, denn sein Stil ist romantischer Flirt mit der Eiseskälte. Lermontow hingegen hatte es leicht, "generisch" zu schreiben, denn er gehört zu den Gründervätern der russischen Literatur. Die seltene Chance, am Anfang zu stehen, er hat sie in seinem kurzen Leben zu ergreifen gewusst.

          - Michail Lermontow: "Ein Held unserer Zeit". Herausgegeben und übersetzt von Peter Urban. Friedenauer Presse, Berlin 2006. 252 S., geb., 22,50 [Euro].

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