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: Wie der überflüssige Mensch seine gültige Form fand

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Die offene Form von "Jacques le fataliste" mit der zur Disposition des Lesers stehenden Reihenfolge der Kapitel oder der "Tristram Shandy" des mit Diderot befreundeten Laurence Sterne haben gewiss die polyperspektivistische Technik des "Helden unserer Zeit", der aus einer Folge abgeschlossener Novellen besteht, anzuregen vermocht. Auch in Petschorin, der Hauptfigur mit der kalten Leidenschaftlichkeit eines Stendhal-Protagonisten, kann man eine dunkle Spiegelung der zynischen Großstadt-Müßiggänger der Pariser Romane erkennen. Aber das ist nur eine Assoziation. Der Typus des "überflüssigen Menschen", den Puschkin schon in "Eugen Onegin" geschildert hatte und dem Lermontow nun in Petschorin einen Bruder zur Seite stellte, hat viel düsterere Züge als die französischen Roués. Langeweile, Brutalität, Nervosität und Eleganz sind nur die Masken einer innigen Todessehnsucht; wenn das leichtfertig aufs Spiel gesetzte Leben dann doch noch gerettet werden kann, scheint das der Held eher zu bedauern.

Vom heroischen Charakter.

Dieser Petschorin, Sankt Petersburger Salonlöwe, der wegen dunkler Verfehlungen in das Kaukasus-Kriegsgebiet verbannt ist und dort seine Zeit mit gefährlichen Liebesabenteuern und Duell-Affären totschlägt, erscheint in immer neuen Blickwinkeln: in den Berichten anderer und im eigenen Tagebuch. Nabokov hat versucht, die richtige zeitliche Reihenfolge dieser abgeschlossenen Erzählstücke festzustellen, aber es bleiben Lücken, und es entsteht beim Lesen das Erlebnis, als forsche man einem untergetauchten Bekannten nach, der in manchen Zeugnissen näher, in anderen ferner rückt und schließlich ganz verschwindet. Der Titel "Ein Held unserer Zeit" will wohl sagen: Ein heroischer Charakter hat in der trivialen Gegenwart Lermontows nur die Chance, als Außenseiter mehr oder weniger schändlich unterzugehen - und es war sein eigenes Schicksal, das Lermontov vorwegnahm: So wie Petschorin den jungen Wirrkopf im Duell erschießt, so ist Lermontow selbst, der nur in die Luft geschossen hatte, von seinem lange und sorgfältig zielenden Feind in einem Duell aus nichtigen Gründen kaum ein Jahr nach Abschluss des Buchs regelrecht abgeknallt worden.

Bedeutsamer als der Stoff ist die Sprache dieses jungen Dichters, der auch Goethe-Gedichte übersetzt hat. Von den französischen Enzyklopädisten hat er in die Romantik des neunzehnten Jahrhunderts den Sprachkult der Knappheit, der Klarheit, der Schnörkellosigkeit hinübergerettet. Er hat den Geschmack des achtzehnten mit den ausweglosen Leidenschaften des neunzehnten Jahrhunderts verbunden und hat in dieser schier unwahrscheinlichen Mischung im Westen ein einziges großes Gegenüber: Stendhal, der nur ein Jahr nach Lermontow starb, den der Russe aber wohl nicht gelesen hat - sonst hätte Peter Urban uns das gewiss mitgeteilt.

Zum Phänomen jener Autoren, die wie Lermontow darauf verzichten, ihre Sprache manieristisch zu stilisieren und gegenüber dem häufigen Schriftstellerwunsch, durch die Sprache ein Zeugnis der eigenen Individualität abzulegen, gleichgültig zu sein scheinen, hat Jorge Borges eine hilfreiche Kategorie vorgeschlagen: Er spricht von den Autoren, die "innerhalb der gemeinsamen Sprache einen winzigen, eitlen Dialekt ausgefeilt haben", und grenzt sie gegen die "generischen" Schriftsteller ab, deren Stil kollektiver oder anonymer Natur sei und der einen höheren moralischen Rang besitze - und sofort wird bei aller Verwandtschaft der Unterschied zwischen Stendhal und Lermontow sichtbar: "Generischer" Schriftsteller ist Stendhal gewiss nicht, denn sein Stil ist romantischer Flirt mit der Eiseskälte. Lermontow hingegen hatte es leicht, "generisch" zu schreiben, denn er gehört zu den Gründervätern der russischen Literatur. Die seltene Chance, am Anfang zu stehen, er hat sie in seinem kurzen Leben zu ergreifen gewusst.

- Michail Lermontow: "Ein Held unserer Zeit". Herausgegeben und übersetzt von Peter Urban. Friedenauer Presse, Berlin 2006. 252 S., geb., 22,50 [Euro].

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