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Werner Köhler: Drei Tage im Paradies : Ein Defekt geht als Talent durch

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Südamerika der Psyche: Werner Köhlers Roman „Drei Tage im Paradies“ wandelt auf Max Frischs Spuren. Darin schildert er atmosphärisch dichte Ereignisse voller Eigenleben, die Lust machen, gleich den Rucksack zu packen.

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          Faber? Ist das sein Ernst? Ja und nein. Auch in das organisierte Leben von Werner Köhlers Protagonist Faber bricht angesichts des Todes einer ihm einst nahen Person, hier der Schwester, das Verdrängte hinein, wenn auch nicht ganz so unvermittelt wie in Max Frischs Bestseller. Bei der expliziten Anrufung des Hausgeists handelt es sich allerdings um eine Art ironisierenden Abwehrzauber: Sein Rufname, erklärt Faber, habe nichts „mit diesem Roman“ zu tun, sondern gehe darauf zurück, dass er als Kind stets einen weichen Faber-Castell-Bleistift hinterm Ohr getragen habe. Klippe umschifft.

          Trotzdem wirkt der „stille Beobachter“, eine höchst autarke, aber seltsam verkapselte Künstlernatur, wie eine waschechte Frisch-Figur. Im Zentrum seiner Identität klafft eine Lücke, öffnet sich ein Schlund, doch gantenbeint sich unser Held wacker durchs Leben. Am Erfolg mangelt es Trinidad Faber nicht. Er hat sich als Kriegsfotograf einen Namen gemacht, bis er eines Tages - angesichts eines Raums voller vergewaltigter Frauen - die Schrecken nicht mehr ertrug und das Metier wechselte.

          Symbolisch pralle Traumprotokolle

          Doch auch als Werbefotograf blieb er gefragt. Die Kamera ist für ihn mehr als nur Arbeitsgerät, ein Schutzschild, das die Wirklichkeit zurückhält, indem es sie auf ihr ästhetisches Substrat reduziert: „Wenn ihn etwas ängstigte, nahm er die Kamera hoch und betätigte den Auslöser, brachte einfach das Stück Metall zwischen sich und die anderen.“ In einem gar nicht mehr erwarteten Maße, so gesteht der Held, habe ihn dieser unverwundbar machende Schutzmechanismus am Leben teilnehmen lassen.

          Der Defekt geht damit als Talent durch, doch für den Leser bleibt er ein Defekt und fungiert als erster Hinweis auf erlittenes Leid, dem noch viele folgen. Recht lehrbuchartig nämlich hat sich Fabers Trauma entfaltet: Er trinkt nur frisches klares Wasser, erträgt weder die Nähe anderer Menschen noch Räume ohne freien Blick. Die nun anstehende Bewältigung des Verdrängten beinhaltet sogar - in der Literatur immer ein Problem - symbolisch pralle Traumprotokolle.

          Melancholisches Vagabundieren

          Dass Faber dem darin herumspukenden, geliebt-gehassten „Mondmann“ in einer stürmischen Vollmondnacht auf einer traumartigen Miniinsel, die auch noch Paradies heißt, tatsächlich sehr nah kommt und sich dabei, ganz Tasso, an jenen Felsen klammert, an dem er scheitern sollte, das hat wohl therapeutisch seine Richtigkeit und ist in der Heftigkeit des Erinnerungsanfalls durchaus anrührend - etwas Ausgedachtes eignet dem trotzdem. Die blass bleibenden Figuren vermögen das Konstruierte dieser psychologischen Selbstreinigung nicht durch Charakter auszubalancieren.

          Verdienstvoll ist dieser Roman also weniger aufgrund seiner großen, pathetischen Schlusssequenz, dafür umso mehr aufgrund der entspannten Zwischenpassagen. In diesen Reiseszenen durchdringen sich ein farbenfroher Realismus und die erzählerische Chuzpe, sich ohne festen Plan von Detail zu Detail treiben zu lassen. Der Fotoauftrag in Patagonien, das melancholische Vagabundieren im chilenischen Nationalpark, die plötzlich alles andere beiseitedrängende Rettung eines Hundes vor einem Kondor, das wortlose Abendessen mit einer geheimnisvollen Engländerin, die Ankunft auf der griechischen Insel Hydra, das sind derart atmosphärisch dichte Ereignisse voller Eigenleben, dass sie sich der Eingliederung in den ächzenden Homo-Faber-Rahmen widersetzen und Lust machen, gleich den Rucksack zu packen.

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