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: Wer weniger liebt, hat schon gewonnen

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Es gehört zu den Eigentümlichkeiten des achtzehnten Jahrhunderts, des "Zeitalters der Vernunft", daß es in seinen größten Kunstwerken, in "Faust" und "Don Giovanni", Teufelspakt und Höllenfahrt zum Thema machte. Am Vorabend der Revolution ist nicht mit rationalem Optimismus von den kommenden herrlichen Zeiten ...

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          Es gehört zu den Eigentümlichkeiten des achtzehnten Jahrhunderts, des "Zeitalters der Vernunft", daß es in seinen größten Kunstwerken, in "Faust" und "Don Giovanni", Teufelspakt und Höllenfahrt zum Thema machte. Am Vorabend der Revolution ist nicht mit rationalem Optimismus von den kommenden herrlichen Zeiten die Rede, sondern von dem "sich selbst erkennenden Bösen", wie Baudelaire den Satanismus genannt hat. Die Autonomie des von allen Beschränkungen befreiten Individuums bestätigt sich in den rituellen Schlacht-Orgien des Marquis de Sade.

          Auch wenn nicht von Tod und Teufel die Rede ist, in den spieluhrenartigen Komödien à la "Così fan tutte" ist der Mensch ein Automat, dessen innere Stahlfedern ihn zum Bösartigen hin ausschlagen lassen. Und genau zwischen "Così fan tutte" und de Sade ist der berühmte Briefroman des Choderlos de Laclos, "Les liaisons dangereuses", angesiedelt, die "Gefährlichen" - nach Heinrich Mann "Schlimmen Liebschaften". Zu den Triumphen eines Erzählers gehört, wenn er eine Figur erschaffen hat, die über das Buch hinaus zur Legende wird. Laclos ist eine solche Schöpfung gelungen: Die Marquise de Merteuil ist eines der großen Monstren der Weltliteratur. Ohne die Sadeschen Requisiten der Blasphemie, ohne die Aura von Blut und Gestank, die sie vermutlich geschmacklos gefunden hätte, ist sie die vielleicht reinste Sadesche Persönlichkeit. Das Böse ist ihr Lebensmotor. Berauscht von ihrer eigenen Kälte, beschreibt sich diese Frau als Kunstwerk ihres Intellekts. Der vollkommene, in der Flamme der Reflexion durchgeglühte Mensch, das ist sie. In ihrer Welterkenntnis könnte sie eine gelassene Quietistin sein, die in der bloßen Einsicht in die Umstände ein stilles Vergnügen findet. Sie ist schön, reich, klug, sie wird begehrt und bewundert - warum ist sie nicht gut? Oder wenigstens nett? Das Böse ist das Unbegreifliche, das mit den Mitteln der Psychologie, die in diesem Roman so meisterhaft angewandt werden, letztlich nicht Faßbare.

          Die altertümlichsten Kategorien bieten sich an, um diese Bosheit zu erfassen, obwohl nicht die leiseste Andeutung in dieser Richtung fällt: Besessenheit. Auch Laclos' Zeitgenosse Diderot zeigte sich in "Rameaus Neffe" fasziniert von einer zur Bewunderung zwingenden vollendeten Bosheit. Die platonische Trinität ist gesprengt: Das Wahre und das Schöne müssen keineswegs gut, sie können sogar sehr böse sein.

          Unter den Briefromanen sind die "Liaisons dangereuses" der Archetypus, der Höhepunkt der Gattung. Heute erscheint es als Kunstgriff, einen Kreis von Personen unentwegt über sämtliche Details des täglichen Lebens korrespondieren zu lassen, aber in der Welt des Laclos waren die Mitglieder der von ihm beschriebenen Milieus besessene Briefschreiber. Voltaire schrieb achtzig Briefe am Tag und wechselte mit seiner Freundin Madame du Châtelet sogar Briefe, als er mit ihr in demselben ziemlich kleinen Schloß wohnte.

          Wer die Effekte der "Liaisons dangereuses" im Naturzustand genießen möchte, der schlage etwa den "Biedermann" auf, die Sammlung von Briefen der Zeitgenossen Goethes, in der man immer wieder ein und dasselbe Ereignis von fünf oder sechs verschiedenen Briefschreibern geschildert finden kann: naiv und eingeweiht, hämisch und devot, snobistisch und brav; ein Ganzes entsteht nicht aus den vielen verschiedenen Aspekten, sondern der Verdacht, alles sei in Wahrheit noch einmal ganz anders gewesen. Der Leser wird in solche Korrespondenzen hineingezogen; er wird zum Detektiv, der sich aus reichen Indizienfunden sein Bild von der Sache selbst zusammensetzt. Ganz allmählich ahnt er an winzigen Zeichen, daß Madame de Merteuil, wie es bei Teufelspakten zu sein pflegt, die Betrogene ist. Die Liebe hat sie in sich vernichten können, nicht aber die Eifersucht, die ihr und ihrem Spießgesellen Valmont schließlich nach vielen Meisterintrigen das Grab gräbt. Es ist, als habe Laclos hier in viel grelleren Farben das Schicksal der bereits erwähnten Madame du Châtelet nachzeichnen wollen, die stets hochgemut gelehrt hatte, es komme in der Liebe darauf an, etwas weniger als der andere zu lieben, und die schließlich durch die Liebe zu einem kühlen jungen Mann beinahe verrückt wurde.

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