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: Wer wagt, den König zu wecken?

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"Korrekt anständige Durchschnittsvertreter des englischen Kleinadels" - bei aller Bewunderung urteilt Georg Lukács mit mildem Spott über die Helden Walter Scotts. Nicht nur bescheidene Figuren des Gründervaters des historischen Romans sind gemeint, sondern auch der ritterliche Ivanhoe; die Gattung Roman habe eben keine epischen Helden mehr zum Gegenstand.

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          "Korrekt anständige Durchschnittsvertreter des englischen Kleinadels" - bei aller Bewunderung urteilt Georg Lukács mit mildem Spott über die Helden Walter Scotts. Nicht nur bescheidene Figuren des Gründervaters des historischen Romans sind gemeint, sondern auch der ritterliche Ivanhoe; die Gattung Roman habe eben keine epischen Helden mehr zum Gegenstand. Den Mehrwert mittlerer Helden schmälert das nicht: Eine Durchschnittsfigur kann der ideale Mediator zwischen dem Gestern und dem Heute sein, diese Einsicht drängt sich dank "Leb wohl, Königin!" von Chantal Thomas von neuem auf.

          Es ist Agathe-Sidonie Laborde, eine Dame aus kleinem Adel, die von drei Schicksalstagen des Ancien régime berichtet, vom 14., 15. und 16. Juli 1789. Demoiselle Laborde, ehemals zweite Vorleserin der Königin Marie-Antoinette, erzählt im Rückblick, aus dem Wiener Exil des Jahres 1810; Napoleons Armeen haben Österreich besiegt, und "die Blutspur der Revolution" nimmt kein Ende. Aus Kälte, Alter und Einsamkeit heraus belebt Laborde die Tage ihrer Jugend neu, elf Jahre, die sie in Versailles verbrachte, "in diesem Land". Sie ist eine glühende Verehrerin der Königin, scheint die vom Volk Geschmähte fast zu begehren.

          Vor dem Leser ersteht eine fremdartige Welt, jenes Versailles hat nichts mit der aseptischen Vitrine von heute gemein. Die Autorin skizziert überraschende Besonderheiten des Hoflebens: bestialischer Gestank und Ungeziefer, beengte Wohnungen auch für den Hochadel, Händler und Bettler, die das Schloß belagern, der ewige Lärm der Bauarbeiten als Begleitmusik. Skurrile Figuren zeigen sich, wie Monsieur de Laroche, Oberaufseher der Ménagerie, dessen sagenhafter Körpergeruch - "Jedesmal, wenn man sich wäscht, verliert man ein Stückchen von sich selbst" - die Höflinge entsetzt, ihm die Gunst des Königs jedoch nicht entzieht.

          Die Sinnlichkeit der Schilderung bereitet großes Vergnügen, wichtiger aber sind die Sitten der Zeit, das Festhalten an einer Etikette, die der Sonnenkönig hundert Jahre zuvor eingeführt hatte. Die Umgangsformen sind streng geregelt, und der Tagesablauf des Königs duldet keine Ausnahme: Vom Aufstehen bis zum Schlafengehen entfaltet sich eine nahtlose Reihe repräsentativer Zeremonien. So ist der eigentliche Skandal an der Erstürmung der Bastille, daß der König deswegen geweckt wird, wie die Ich-Erzählerin fassungslos konstatiert. Der Thron gerät ins Wanken, und mit ihm erzittert Versailles, das mehr ist als eine Kulisse: Dieses feinjustierte Uhrwerk mit seinem grandiosen Prunk, seinen idyllischen Ecken und finsteren Untergründen ist der heimliche Held des Romans.

          Auf einen Tag der Vorahnungen folgt die Schreckensnachricht, der Hofstaat bereitet sofort die Abreise vor. Der königliche Auftritt im Jeu de Paume vermag die Fahnenflucht nur zu verzögern. Laborde irrt durch ein surreales Gebäude, in dem sich Manieren und Takt verlieren und bizarre Gestalten erscheinen; rasch ergreift die blanke Panik Besitz. Laborde flieht schließlich wider Willen auf Befehl Marie-Antoinettes.

          Über die Eingenommenheit seiner Heldin beschwört der Roman den Geist der Zeit; mit den Vertretern der alten Welt sieht er die neue kommen. Dieses Vorgehen entspricht aber dennoch dem Geiste der erzählerischen Neutralität, die Flaubert in "Salammbô" auf den historischen Roman übertrug. Sentimentalität oder Verdammung sind Chantal Thomas' Sache nicht: Sie fühlt sich ein, läßt aber eben in der Annäherung auch die Fremdartigkeit greifbar werden.

          Ihre kühle Sensibilität mag sich die Autorin in ihrem Beruf erworben haben: Bis zum Erscheinen des Romans hat sie sich einen Namen als Historikerin gemacht, mit Arbeiten zu Sade, Casanova, Marie-Antoinette. Aus eigenen Forschungen zur Presse des Ancien régime zieht sie ihr Material, die feinsinnigen Schilderungen haben große Präzision, durch die Übersetzung gelungen gespiegelt. Die Phantasie der Schriftstellerin wird durch das Wissen der Historikerin nur befeuert, das zeigt auch das wunderbare Schlußmotiv: Laborde erinnert sich an die Kleiderpuppen Marie-Antoinettes, die vor den Bällen durchs Schloß getragen wurden und zum Sinnbild von Pomp und hintersinniger Grazie einer nunmehr vergangenen Epoche werden. Es ist bedauerlich, daß der Verlag durch Titel und rosa Einband einen historischen Schinken suggeriert; dieser Band ist nichts weniger.

          NIKLAS BENDER

          Chantal Thomas: "Leb wohl, Königin!". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Carina von Enzenberg. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2005. 294 S., geb., 19,50 [Euro].

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