https://www.faz.net/-gr3-88nai

„Sophia“ von Rafik Schami : Wer sich mit dem Teufel einlässt

  • -Aktualisiert am

Der deutschsprachige Dichter Rafik Schami lehnte ein Angebot der syrischen Regierung, in seinem Herkunftsland ein Kulturinstitut zu leiten, ab. Bild: AFP

Rafik Schami wagt sich in seinem neuen Roman an Orte, die er selbst nicht zu bereisen wagte: ins zerrüttete Syrien. Er zeigt Damaskus als Höllenstadt, in der die ehemaligen Widerstandskämpfer korrumpiert wurden.

          3 Min.

          Warum kommen aus der arabischen Welt keine guten Krimis? Die Antwort, die Salman, der Held des neuen Romans von Rafik Schami, einer perplexen Abendgesellschaft in Damaskus gibt, ist ebenso verwegen wie riskant: weil die Untersuchung eines Mordes im Leben wie im Roman eine Art Freiheit verlange, wie sie in keinem arabischen Land existiere. Salman, ein nicht besonders frommer syrischer Christ, ist kurz vor Weihnachten 2010 zum ersten Mal wieder in seiner Heimat, nach vierzig Jahren im Exil. Dass gegen den einstigen Dissidenten nichts mehr vorliege, sein Name angeblich aus allen Registern der Geheimpolizei getilgt sei und die Eltern an seinen beim Geheimdienst arbeitenden Cousin Elias viel gezahlt haben, um die Sicherheit ihres Sohnes zu garantieren, zählt in einer Diktatur wie der syrischen wenig. Zumal Salmans Widersacher alte Rechnungen begleichen und neue aufmachen möchte.

          Rafik Schami, deutschsprachiger Schriftsteller syrischer Provenienz, schickt Salman auf eine gefährliche Reise, die er selbst aus guten Gründen nie unternommen hat. In einem Interview erzählte er, vor einigen Jahren ein verlockendes Angebot der syrischen Regierung bekommen zu haben, in seiner alten Heimat ein eigens für ihn eingerichtetes Kulturinstitut zu leiten. Doch er, der wie sein Held vor mehr als vierzig Jahren vor ebendieser Diktatur fliehen musste, weiß: Wer sich mit dem Teufel einlässt, verfängt sich schnell in seinem Netz. Und so unternimmt der Autor diese so gar nicht sentimentale Heimreise schreibend. Er durchstreift mit seinen Figuren Damaskus von den Nachkriegsjahren bis zum Beginn des Arabischen Frühlings. Die Stadt hat sich in dieser Zeit in einen Moloch verwandelt, der die einstige multikulturelle Perle der Wüste nur noch an wenigen Orten erahnen lässt.

          Spannend wie ein Politthriller

          Eine absurde Mordanschuldigung zwingt Salman, auf den in Rom seine italienische Frau und der einzige Sohn warten, unterzutauchen. Er muss um sein Leben fürchten, wie vor vierzig Jahren, als der Vater des jetzigen Diktators durch Moskaus Gnaden an die Macht kam. Salmans Odyssee durch zahlreiche Verstecke ist ein Politthriller erster Güte, der tiefe Einblicke in die syrische Gesellschaft und die Ursachen des blutigen Gemetzels gewährt, welches das Land inzwischen verwüstet, eine Viertelmillion Tote gefordert und die Hälfte der zwanzig Millionen Syrer in die Flucht getrieben hat.

          Ein perfides Geflecht aus fünfzehn Geheimdiensten und einer geldgierigen Sippenwirtschaft hält die Diktatur am Leben. Sie hat fast alle Kämpfer aus Salmans alter Widerstandsgruppe korrumpiert. Der Che-Guevara-Marxist wurde zum Mufti von Aleppo und zur rechten Hand eines Geheimdienstlers, der auch sein Schwager ist. Der Barfuß-Kommunist versorgt inzwischen die Reichen mit Luxusgütern und wurde selbst zum Millionär. Salmans zu dieser Kaste gehörende einstige Geliebte hatte zur Tarnung einen schwulen, wohlhabenden Geschäftsmann geheiratet. Ihren glamourösen Lebensstil und ihre Sicherheit garantieren hohe Staatsdiener und Geheimdienstler, die als Gegenleistung mit Sex bezahlt werden.

          Die Liebe siegt über das Böse

          Die wenigen Aufrechten wurden in der Höllenstadt, die sich auf sieben Stockwerken unter Damaskus ausbreitet und krakengleich unterirdisch bis in die Gefängnisse in den Provinzen reicht, durch grausame Folter gebrochen. Sie sinnen wie Salmans einstiger Kampfgefährte Hani auf Rache und warten nur den richtigen Moment ab, um die in Kellern gehortete Munition einzusetzen. In diesem Sumpf aus Korruption und Gewalt wird der Diktator selbst zur Geisel des von ihm geschaffenen Systems. Der große Rest der Damaszener Gesellschaft scheint ruhiggestellt, mit Smartphones, Schmiergeschäften und kleinen Pöstchen, so wie jene Dichter, die auf einem Literaturfestival zu Ehren des Präsidenten schwülstig-groteske Hymnen von sich geben.

          Doch Rafik Schami wäre nicht jener in der Tradition der orientalischen Poesie schreibende Erzähler, den wir seit vielen Jahren kennen und schätzen, wenn nicht auch in diesem Buch die Liebe über das Böse mindestens einen großen Sieg davontragen könnte. Der Name Rafik Schami ist bekanntlich ein Pseudonym, das übersetzt „der Freund aus Damaskus“ bedeutet. Sophia, Salmans Mutter, hatte vor vielen Jahren ihrer Jugendliebe, dem Muslim Karim, aus einer üblen Notlage geholfen. Damals war er von der eigenen Sippe des Mordes bezichtigt worden. Jetzt erinnert sie sich seiner, und der alte Freund wird ihr die Hilfe nicht abschlagen. Dass es bei einer riskanten Rettungsaktion mittels falscher Identität und Bestechung auch für Karim und seine neue Liebe um Kopf und Kragen gehen könnte, ist dem über Siebzigjährigen so bewusst wie gleichgültig.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nicht alle Jugendliche halten Ausschau nach einer ernsten Beziehung, auch eine Freundschaft plus ist für viele eine Alternative.

          Sex ohne Beziehung : Warum „Freundschaft plus“ oft schiefgeht

          Man mag sich, man hat Sex, man will keine Beziehung. Die Psychotherapeutin Harriet Salbach erklärt, warum „Freundschaft plus“ bei Jugendlichen so beliebt ist – und für viele dann doch nicht das Richtige.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.