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: Wer nicht sehen will, muß lesen

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MADRID, im MaiIn diesen Tagen traf sich José Saramago mit dem portugiesischen Premierminister José Manuel Durão Barroso zum Essen. Ein Versöhnungsmahl sollte es sein: Saramago zeigte sich bereit, seinen Ärger über die von Durão Barroso geführte liberal-konservative, sozialdemokratische Regierungspartei ...

          MADRID, im Mai

          In diesen Tagen traf sich José Saramago mit dem portugiesischen Premierminister José Manuel Durão Barroso zum Essen. Ein Versöhnungsmahl sollte es sein: Saramago zeigte sich bereit, seinen Ärger über die von Durão Barroso geführte liberal-konservative, sozialdemokratische Regierungspartei PSD zu vergessen. Damit, so sagt der Nobelpreisträger, sei ein Konflikt, der zehn Jahre lang zwischen ihm und dieser Partei geschwelt habe, zu Ende.

          Vor zehn Jahren hatte der Staatssekretär für Kultur einer PSD-Regierung, der auch Durão Barroso angehörte, Saramagos Buch "Das Evangelium nach Jesus Christus" aus dem Wettbewerb für den europäischen Literaturpreis zurückziehen lassen, mit der Begründung, das Buch richte sich gegen die christliche Moral. Saramago reagierte wütend und erklärte, nicht mehr in seiner portugiesischen Heimat leben zu wollen. Seither lebt er in Spanien, obwohl in der Zwischenzeit auch einmal eine andere Partei, die sozialistische PS, sein Land regierte.

          Sein neues Buch "Ensaio sobre a Lucidez" (Essay über die Klarsicht) kündigte der Autor mit den Worten an, es werde wahrscheinlich eine noch schärfere Kritik und einen noch größeren Skandal hervorrufen als "Das Evangelium nach Jesus Christus". Bei dem neuen, als Roman bezeichneten Werk des Literaturnobelpreisträgers handelt es sich um eine Abrechnung des marxistischen Autors mit der heutigen, "von der Wirtschaftsmacht entführten" Demokratie. Saramago stellte das Buch zunächst in Lissabon vor. Dabei begleiteten ihn zwei Politiker der just dreißig Jahre alt gewordenen portugiesischen Demokratie: der zweimalige Staatspräsident und mehrfache Premierminister Mário Soares, lange Zeit auch Generalsekretär der sozialistischen PS, sowie der ehemalige Vorsitzende der sozialdemokratischen Partei, Marcelo Rebelo de Souza. Anschließend tourte Saramago mit dem Werk durch Portugal.

          Wie wenig der Schriftsteller von demokratischen Wahlen unserer Zeit hält, tut er im neuen Buch kund. In dem sehr abstrakt gehaltenen, nicht eben flüssig zu lesenden Roman schildert Saramago eine Wahl, bei der 83 Prozent weiße Stimmzettel in die Urnen werfen. Nach der Lektüre könnte man glauben, daß der Autor die Abgabe von leeren Stimmzetteln propagiert, um den eigentlichen Wahlvorgang selbst ad absurdum zu führen. Das wäre zumindest überraschend bei einem Schriftsteller, der politische Ämter wie den Vorsitz des Gemeinderats von Lissabon innehatte und sich als Kandidat für die nächsten Wahlen für das Europaparlament aufstellen läßt. Überrascht von dem heftigen Affront des neuen Werks zeigten sich bei der Buchvorstellung in Lissabon auch die anwesenden Politiker. Zwar greift Saramago keineswegs frontal die Demokratie oder das demokratische Regierungssystem an. Er kritisiert vielmehr die derzeitigen Formen der liberalen Demokratie, die ihm zufolge zunehmend beherrscht wird von den großen Wirtschaftsunternehmen und den Banken und immer mehr unter den Einfluß der Medien gerät. "Unsere Regierungen haben keine wirkliche Macht. Sie sind die politischen Kommissare der Banken", gibt José Saramago immer wieder zu Protokoll. "Diese unsere Demokratie tut zuwenig für die soziale Gerechtigkeit und eine bessere Verteilung des Reichtums." Auch verteidige sie kaum die ideellen Werte, welche die demokratischen Parteien in ihren Programmen und im Wahlkampf herausstellten.

          Saramago bezeichnet sich selbst am liebsten als libertären Kommunisten. Sein Ziel gleicht dem der Anarchisten der spanischen Republik und im Bürgerkrieg: ein freiheitlicher Kommunismus. Mit seinen Ideen hatte es Saramago auch innerhalb der orthodoxen und disziplinbewußten kommunistischen Partei Portugals unter dem leninistischen Generalsekretär Álvaro Cunhal nicht leicht. Trotzdem verteidigte er während des revolutionären Prozesses 1974/75 als stellvertretender Chefredakteur und Kommentator der einflußreichen portugiesischen Zeitung "Diario de Noticias" den kommunistischen Machtanspruch gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit. Ob er damals wirklich glaubte, einmal mit der Partei Cunhals außer sozialer Gerechtigkeit auch die individuellen und kollektiven Freiheiten installieren zu können? Mehr aus Treue zu den alten Kameraden, mit denen er gegen die Rechtsdiktatur Salazars gekämpft hat, und wohl weniger aus Begeisterung für die derzeitige Politik der Partei hat sich Saramago auch auf die Liste der Kommunisten für die Europawahl setzen lassen. Wenn die Mehrheit der Portugiesen der Wahlempfehlung seines neuen Buches folgen sollte, könnten die weißen Stimmzettel ihm und seiner Partei einen üblen Streich spielen.

          Über den Widerspruch seines marxistischen Credos zu seinem tiefen historischen Pessimismus hat sich Saramago nie geäußert - auch nicht in seinem Roman "Stadt der Blinden" (1995), in dem er dem Glauben an den Fortschritt einige Argumente liefert. Im Roman erblinden die Menschen plötzlich, können nichts mehr sehen; im neuen Buch wollen die meisten nicht sehen. "Ensaio sobre a Lucidez" ist ein tiefpessimistisches Buch, noch kritischer gegenüber der europäischen Linken als frühere Werke Saramagos. "Nach diesem sehr notwendigen Buch könnte ich eigentlich sterben", sagte Saramago vor einigen Tagen im kleinen Kreis. Sein Testament soll "Ensaio sobre a Lucidez" jedoch nicht sein. Saramago will noch einige Bücher schreiben.

          WALTER HAUBRICH

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