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: Wer mit sieben Descartes nicht kennt, wird nie ein Schnösel

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In der polnischen Literaturszene reüssieren zurzeit die Jungtalente - noch vor wenigen Jahren nahezu undenkbar. Ein hervorragendes Beispiel ist die flippige Abiturientin Dorota Maslowska, die mit ihrem Erstling über Nacht zum literarischen Shootingstar avancierte und mit ihrem zweiten Roman den wichtigsten Literaturpreis des Landes einheimste.

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          In der polnischen Literaturszene reüssieren zurzeit die Jungtalente - noch vor wenigen Jahren nahezu undenkbar. Ein hervorragendes Beispiel ist die flippige Abiturientin Dorota Maslowska, die mit ihrem Erstling über Nacht zum literarischen Shootingstar avancierte und mit ihrem zweiten Roman den wichtigsten Literaturpreis des Landes einheimste. Auch der heute achtundzwanzigjährige Autor Jacek Dehnel, dessen Roman "Lala" vor zwei Jahren erschien, kann sich nicht über mangelnde Aufmerksamkeit beklagen. Die geht nicht zuletzt darauf zurück, dass er das Image eines mit allen Wassern gewaschenen Intellektuellen, bekennenden Homosexuellen und stilbewussten Ästheten pflegt. Man denkt an Oscar Wilde und Tom Wolfe, wenn Dehnel in seiner sorgsam durchdachten, eine Vorliebe für die Mode des 19. Jahrhunderts verratenden Garderobe das Parkett betritt. Das bewusst antiquierte Äußere, diese kunstvolle Komposition aus Gehrock, Spazierstock und Siegelring, passt in der Tat viel besser zu seinen feinen Gesichtszügen und tadellosen Manieren als Jeans und Turnschuhe.

          Er bekam schon von manchem Journalisten Epitheta wie "Streber" oder "Musterschüler" beigestellt, und in der Tat scheint es in seiner Karriere ebenso wenig Platz für einen Zufall zu geben wie in seinem Outfit. Der gebürtige Danziger, der heute in Warschau lebt, wo er ein sogenanntes "Interdisziplinäres humanistisches Studium" absolvierte, hat sich bereits als Übersetzer englischer Lyrik und als Moderator einer Kulturfernsehsendung einen Namen gemacht, den besagten Roman, vier Gedichtsammlungen und drei Erzählbände publiziert - für den letzten, "Balzaciana", der auf frappierende Weise die Motive der "Menschlichen Komödie" mit den heutigen polnischen Realien verknüpft, wird er soeben von den polnischen Kritikern gefeiert. Und er hat etliche Auszeichnungen, darunter den renommierten Preis der Genfer Koscielski-Stiftung und den Preis der Zeitschrift "Polityka", erhalten.

          Die meisten Lorbeeren aber brachte ihm bislang der Roman "Lala" ein, eine schwungvoll erzählte autobiographische Geschichte, in deren Mittelpunkt seine Großmutter steht: eine alte Dame, die erzählend auf ihr bewegtes Leben zurückblickt. Sie war einst eine veritable Schönheit, damals selten bei ihrem Vornamen gerufen, sondern meist "Lala", Puppe, genannt. Eine pejorative Konnotation hatte das Wort hier allerdings nicht. Zwar war die Großmutter auffallend schön, aber anerkanntermaßen auch intelligent, mutig und unternehmungslustig. Da sie sich in hohem Alter auch noch als eine passionierte Erzählerin entpuppt, verwebt sie dieses Leben zu einem riesigen, bunten Geschichtenteppich, dessen raffiniertes Muster der Verworrenheit der polnischen Schicksale im zwanzigsten Jahrhundert entspricht. All das wird eifrig von ihrem Enkel notiert, der jene längst verschwundene Welt, die durch diese Geschichten durchschimmert, wiedererstehen lassen möchte. Er habe dieses Buch geschrieben, so Dehnel in einem Interview, "um die besondere Persönlichkeit dieser unabhängigen Frau festzuhalten, einer sehr interessanten Person, der man gern begegnen würde".

          Er selbst hat in seiner Jugend viel Zeit mit ihr verbracht. Ihr verdankt er die Entschlossenheit zur Originalität und Erhabenheit. Früh eingeimpft wurden ihm aber auch intellektuelle Disziplin und ästhetische Wachsamkeit: ",Wer hat das gesagt?', rief sie mir ... zu, während sie Flieder schnitt. ,Na? Wer wohl? Cartesius, das heißt Descartes.' Letzteres ausatmend, entrüstet: wie man das im Alter von sieben Jahren nicht wissen kann." So formte sie ihn über Jahre, bis er den ständigen Umgang mit Shakespeare, Epikur oder Homer als einen natürlichen Zustand ansah: "Manchmal war es schön, was sie mir sagten, manchmal auch langweilig. Aber ich fühlte mich zu Hause."

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