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: Wenn Goethe schießt und Humboldt ficht

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Hat Goethe sich mit Kleist duelliert? War Schiller ein trainierter Armbrustschütze? Haben Goethe und Schiller eine Wirtshausprügelei in Oßmannstedt siegreich bestanden? Wurden unsere Klassiker alle zusammen in einer eingestürzten Höhle im Kyffhäuser verschüttet? Waren Kleist und Humboldt ein Liebespaar?Nein, nein, natürlich nicht.

          Hat Goethe sich mit Kleist duelliert? War Schiller ein trainierter Armbrustschütze? Haben Goethe und Schiller eine Wirtshausprügelei in Oßmannstedt siegreich bestanden? Wurden unsere Klassiker alle zusammen in einer eingestürzten Höhle im Kyffhäuser verschüttet? Waren Kleist und Humboldt ein Liebespaar?

          Nein, nein, natürlich nicht. Aber in der Kunst ist alles erlaubt. Die Dichter lügen, sagte schon Plato, aber sie tun es auf eine so charmante Weise, dass wir ihre Schwindeleien nicht missen wollen. Robert Löhr nennt sein Opus einen "historischen Roman". Das ist fröhlich geschwindelt, aber nur zur Hälfte. Denn er arbeitet ja mit präzise recherchierten historischen Materialien. Wie er das Mainz von 1805 beschreibt, das hat Uhrwerkgenauigkeit. Aber die Präzision der Umstände ist ironischer Natur, denn die so sorgfältig ermittelten Einzelheiten aus der ehrenwerten Wirklichkeit werden mit verblüffender Chuzpe zu neuen Bildern gemischt und in den Dienst eines frei erfundenen Plots gestellt. Dass Goethe zusammen mit Schiller, Achim von Arnim, Alexander von Humboldt, Heinrich von Kleist und Bettine Brentano im Jahre 1805 im geheimen Auftrag des Großherzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach den vermeintlichen Dauphin von Frankreich, der als Ludwig XVII. den Thron besteigen sollte, aus der Festung Mainz entführt haben soll, um mit seiner Hilfe Napoleon, dem Kaiser der Franzosen, die Herrschaft abzujagen und die Monarchie wiederzuerrichten - das ist natürlich eine Räuberpistole gewagtester Art. Aber der Drahtseilakt gelingt, zwischen den Abgründen des Lächerlichen zur Linken und des Geschmacklosen zur Rechten plaziert Löhr einen literarhistorischen Thriller, der Klamauk mit Tiefe verbindet und hinreißend zu lesen ist, weil er nicht nur die Sinne, sondern auch Herz und Verstand angenehm beschäftigt.

          Das klappt deshalb, weil Löhr nur die Handlung erfunden hat, aber die Charaktere nicht. Schon der oberflächliche Blick erkennt sie wieder und kann sie bald gut unterscheiden: Goethe ist weise und väterlich, Schiller kühn und tatkräftig, Kleist aufbrausend und verwegen, Arnim stets preußisch-patriotisch, Bettine kapriziös und Humboldt weltkundig. Über solche Charaktermasken hinaus vermag Löhr seine Figuren facettenreich zu beseelen. Er hat gründliche Studien betrieben, um ihnen möglichst viel O-Ton in den Mund zu legen. Es würde Spaß machen, zu diesem Roman einen Quellenkommentar zu entwickeln, denn hier wird fast nur Vorgestanztes gesprochen, beinahe nichts Erfundenes. Die O-Töne bezieht Löhr hauptsächlich aus Briefen, Gesprächen und autobiographischen Äußerungen seiner Helden, aber immer wieder auch aus ihren Dichtungen, wobei er vor nichts zurückschreckt. "Heinrich, mir graut vor dir!", lässt er Goethe zu Kleist sagen. "Ich denke einen langen Schlaf zu tun", sagt Löhrs Schiller in der Nacht, bevor er stirbt, und setzt wie dessen Wallenstein noch eins drauf: "Der letzten Tage Qual war groß."

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